Wage zu leben
Martin Buber sagt: „Ich bin, weil du bist.“
Er nimmt dabei Menschen in den Blick, die ihn zu dem gemacht haben, der er heute ist. Da steckt viel Wertschätzung und Dankbarkeit drin. Eine Frau von 90 Jahren erzählte mit vor kurzem, wie sehr sie sich freut, dass ihr Sohn zu ihr sagte: „Ich habe so viel erreicht, mir geht es so gut. Ich habe ein gutes Auskommen und eine intakte Familie und tiefe und ehrliche Freundschaften. Das alles habe ich dir und Papa zu verdanken, denn ich weiß, woher ich komme. Solche Worte sind wie Balsam für die Seele. Wir sollten sie uns öfter schenken, wenn wir es so erlebt und erfahren haben, denn sie fördern Liebe und Menschlichkeit.
Es gibt natürlich auch die andere Seite. Menschen, die uns klein machen wollen, die uns nichts gönnen, die alles daran setzen, dass wir nicht zum Leben kommen. Wer kennt solche Menschen nicht? Franz Kafka (1883-1924), einer meiner Lieblingsschriftsteller, beschreibt diese, seine Erfahrung, sehr pointiert in seiner Novelle „Vor dem Gesetz“. Ein Mann sucht nach dem Sinn seines Lebens. Er geht los, ist motiviert. Er weiß, du musst den Sinn deines Lebens finden, um glücklich zu sein und um ein tiefsinniges Leben führen zu können. Wie großartig wäre es, wenn er auf diesem Weg Unterstützung bekommen würde. Das Gegenteil ist der Fall, und das ist kein Einzelfall. Er macht sich auf zum Gesetz und bittet den Türhüter um Einlass. Dieser bremst ihn aus, hält ihn hin: „Ja, es ist möglich, aber jetzt noch nicht!“ Der Mann vom Land ist enttäuscht, vielleicht sogar erschüttert. Damit hat er nicht gerechnet, denn er kennt doch seinen Weg und möchte diesen in Ehrlichkeit, Wahrhaftigkeit und Aufrichtigkeit gehen. Und jetzt stellt sich ihm der Türhüter entgegen. Er entscheidet für den Mann, verbreitet Angst und deutet an, wie mächtig er ist. Und der Mann verliert seine Lebenskraft und Entschlossenheit – ja, er verliert sein Leben, weil ein anderer für ihn entscheidet. Vielleicht hat der Mann mit dieser Reaktion des Türhüters nicht gerechnet und ist davon ausgegangen, dass das Gesetz immer und für jeden offen ist. Er setzt sich auf einen Schemel, nicht, weil er es will, sondern weil der Türhüter das will. Immer wieder sagt der Türhüter: „Jetzt noch nicht!“ und jener gehorcht, weil er Gehorsam gelernt hat. Darüber wird er alt und hat sein Leben lang die Verantwortung für sein eigenes Leben nicht wahrgenommen. Am Ende stellt der Mann dem Türhüter diese Frage: „Wieso kommt es eigentlich, dass in den vielen Jahren niemand außer mir nach Einlass verlangt hat?“ „Weil dieser Eingang nur für dich bestimmt war.“ So hat er sein Leben verpasst. Er hat es nicht gewagt, zu leben.
Im Leben Kafkas war es der Vater, der die Persönlichkeit, den Charakter und die Lebensvorstellung seines Sohnes zerstören wollte, weil sie nicht seinen Vorstellungen entsprachen. Er wollte aus ihm einen Geschäftsmann machen. Er wollte das bewirken durch Autorität, Härte, Überlegenheit und Selbstzufriedenheit. Ein ungeheurer Mann gegen ein kleines und ängstliches Wesen. Viele Menschen handeln so und sie wissen genau, mit wem sie es machen können. Franz Kafka fühlte sich wertlos, ziellos und manipuliert und es fehlte ihm die Kraft und die Entschlossenheit, aus den Fängen des Vaters heurauszuspringen. Der Vater ist das große Hindernis seines Lebens. Nicht er beherrscht das Hindernis, sondern das Hindernis beherrscht ihn. Das ist die entscheidende Tragödie.
Haben Sie Ihren Lebensweg gefunden?
Wagen Sie es, das zu leben, was Sie in sich spüren, wonach Sie sich sehnen?
Wer war in Ihrem Leben ein Hindernis? Konnten Sie es überwinden?
Die wesentliche Frage ist nicht: Was denken die Leute?
Sondern: Was denkt Gott, wenn ich so lebe und mich entscheide?
Lebe dein Leben, nutze Deine Freiheit und schau einzig und allein darauf, ob Deine Freiheit die Freiheit des anderen angreift.
Gott sei Dank hatte Franz Kafka einen Freund, Max Brod, der um sein Talent des Schreibens wusste, davon begeistert war und deshalb – sogar gegen Kafkas Willen – seine wunderbaren Texte veröffentlichte. Einmal sagte Max Brod über Franz: „Hätte er nichts Wesentliches zu sagen, schwieg er lieber.“
Wir können heute soviel von Kafkas Texten lernen. Lebe deine Talente, nimm sie an in Freude und Dankbarkeit und stell sie in den Dienst der Menschen. Kafkas Schreibstil ist die Welt der Menschen, die er mit dem Göttlichen zusammenbringt. So lese und verstehe ich seine Worte und sie geben mir Kraft, das Leben zu wagen, auch und gerade dann, wenn Menschen mich dabei ausbremsen möchten.
W-Wagnis
Euer / Ihr
Thomas Laufmöller
