Was hat mein Leben geprägt?
In einem Gespräch mit einem Psychologen hörte ich das Wort:
„Wenn du dir Gedanken über dein Menschsein machen willst, dann schau auf deine Kindheit und der Rest sind Fußnoten.“
Ein Wort, das mir bis heute nachgeht. Es zeigt, wie wichtig unsere Kindheit ist, wie entscheidend es ist, als Kind gute und liebevolle Erfahrungen zu machen. Wenn ich früher Kinder getauft habe oder heute Kinder segne, dann sage ich den Eltern immer:
„Sie können ihr Kind nicht genug lieben. Es wird ihre Liebe spüren, wenn sie mit ihrem Kind spielen, wenn sie es immer wieder in die Arme nehmen, wenn sie Nähe zeigen, einfach nur da sind und mit leuchtenden Augen auf ihr Kind schauen.“
Ich bin so froh und dankbar, dass ich eine gute und segensreiche Kindheit hatte, auch wenn es viele Hindernisse und existenzielle Traurigkeiten gab.
In einem Beerdigungsgespräch, das ich vor kurzem führte, erzählten die Kinder von ihrer verstorbenen Mutter:
„Mama ist 1952 in den Nachkriegszeiten geboren. Gerade ihr Vater war sehr streng. Liebe hat sie kaum erfahren. Uns aber hat sie mit Liebe überschüttet.“
Was für eine starke Frau, dachte ich mir. Sie hat Härte in ihrer eigenen Kindheit erfahren. Wie oft passiert es – und so sagte es ja eingangs der Psychologe – dass man das Erfahrene der Kindheit mit hineinnimmt in seine ‚Erwachsenen-Welt‘. Es ist so schwer, das negativ Prägende aus der Kindheit loszuwerden, abzuschütteln oder zu verändern. Diese Frau hat es geschafft und das ist beeindruckend. „Sie können das, was ihre Mutter geleistet hat, nicht hoch genug einschätzen“, sagte ich zu den Kindern.
„Was meinen Sie, wie sie das geschafft hat?“ so fragte ich die Kinder.
Die einhellige Antwort: „Durch Bücher, besonders durch die Erzählungen von Astrid Lindgren“.
Das konnte ich gut nachvollziehen, denn ich selbst hatte Pippi Langstrumpf und die Kinder aus Bullerbü mit viel Freude und Lebensermutigung gelesen. Die Figuren waren so lebendig, so leicht, so unbeschwert, so positiv und phantasievoll. Ich denke heute oft, warum gibt es im Fernsehen so viel Brutalität, so viel Gewalt, so viele Krimis? Bräuchten wir nicht gerade in diesen unruhigen und brutalen Zeiten mehr positive Impulse, mehr Leichtigkeit, mehr Zugewandtheit und mehr Friedenszeichen, so wie es Heinz Rühmann oder Heinz Erhardt nach dem II. Weltkrieg in ihren Büchern und Filmen vorgelebt haben?
Das Beerdigungsgespräch hat mir viel Wertschätzung für die verstorbene Mutter in mein eigenes Herz gelegt. Ich habe mir einige Gedanken von Astrid Lindgren herausgesucht und sie in Freude und Dankbarkeit noch einmal gelesen. Vielleicht spüren auch Sie die Kraft dieser Worte, wenn Sie sie lesen. Mögen Sie aus den Worten dieser außergewöhnlichen Schriftstellerin Ermutigungen für Ihr eigenes Leben herauslesen. Ich würde mich freuen.
„Zweierlei hatten wir, das unsere Kindheit zu dem gemacht hat, was sie gewesen ist – Geborgenheit und Freiheit. Wir fühlten uns geborgen bei diesen Eltern, die einander so zugetan waren und stets Zeit für uns hatten, wenn wir sie brauchten, uns im übrigen aber frei und unbeschwert auf dem Spielpatz herumtollen ließen.“
„Wir hatten ja Spielplätze, waren immer beschäftigt, hatten die Natur, die uns immer aufgeregt hat, die Jahreszeiten, die immer Neues anzubieten hatten.“
„Und wir spielten und spielten und spielten, sodass es das reine Wunder ist, dass wir uns nicht totgespielt haben.“
„Ich las morgens, mittags und abends. Ich las einfach alles, was mir vor die Augen kam. Ich verschlang Bücher. Es ist doch auch fantastisch, dass es für ein Kind so viele Wörter zu entdecken und zu lernen gibt.“
„Es ist eine Unsitte, nachts im Bett zu lesen, aber herrlich.“
„Fragt mich aber jemand nach meinen Kindheitserinnerungen, dann gilt mein erster Gedanke trotz allem nicht den Menschen, sondern der Natur. Sie umschloss all meine Tage und erfüllte sie so intensiv, dass man es als Erwachsener gar nicht mehr fassen kann…Steine und Bäume, (Beeren und Blumen, Wälder, Bäche und Flüsse) sie standen uns nah, fast wie lebende Wesen und die Natur war es auch, die unsere Spiele und Träume hegte und pflegte.“
„Ich glaube sowieso, wenn die jungen Menschen auf alles hören würden, was die älteren ihnen sagen, würde jede Entwicklung aufhören und die Welt stillstehen.“
„Das Kind als Idee ist das Beste, was der Herrgott geschaffen hat“
Aus:
Astrid Lindgren
Steine auf dem Küchenbord
Gedanken-Erinnerungen-Einfälle
P – Prägung
Euer / Ihr
Thomas Laufmöller
