Manche Worte und Ausdrücke vergisst man nie. Sie haben sich dann tief in das Herz eingebrannt. Selbst nach vielen Jahren reicht ein kleiner Auslöser, um sich an sie zu erinnern.
Eine junge Frau, keine vierzig Jahre alt, musste ich im Jahr 2001 beerdigen. Wenn junge Menschen so früh gehen müssen, berührt mich das in besonderer Weise. Die Traurigkeit wegen einer solchen kurzen Lebenszeit stellt sich bei mir ein und ich hoffe dann immer, dass dieser Mensch, auch in der Kürze der Zeit, viele Lebenserfahrungen gemacht hat, die lebensbereichernd waren und Freude geschenkt haben. „Du kannst das Leben nicht verlängern, noch verbreitern: nur vertiefen“, so schreibt es Gorch Fock. (1880 – 1916)
Fünfundzwanzig Jahre später komme ich mit der Schwester der Verstorbenen ins Gespräch. Wir erzählten uns vom Leben ihrer Schwester, von ihren gemeinsamen Erfahrungen und von den Gesprächen, die ich, auch noch kurz vor ihrem Tod, mit ihr geführt habe.
Ein Wort aus meiner damaligen Beerdigungspredigt ist der Schwester bis heute in Erinnerung geblieben. Es hat sie tief berührt und sie trägt es bis heute in ihrem Herzen: „Schalenkrank und kerngesund“.
In ihrer menschlichen Hülle konnte die Verstorbene nicht mehr leben, der Körper kam an seine Grenze, aber durch die Gespräche mit ihr spürte ich, wie ihr Inneres lebendig und gesund war, wie sie sich gegen die Krankheit wehrte und aufrichtig und vertrauensvoll ihren Weg ging. In ihrer Seele trug sie neben aller Erschütterung auch Dankbarkeit und Zuversicht und Gottvertrauen. Ihr Inneres, ihr Kern, war gesund, kerngesund – so habe ich sie wahrgenommen. Mit dieser Haltung hat sie gelebt, gekämpft, gelitten, vertraut. Letztendlich hat sie in dieser Haltung unsere Welt verlassen und vertrauensvoll ihr Leben in größere Hände gelegt.
Dorothee Sölle (1929 – 2003) beschreibt diese Lebens- und Glaubenseinstellung so:
Am Ende der Suche und der Frage nach Gott steht keine Antwort, sondern eine Umarmung.“
Und Jesus bezeugt diese Gottes-Liebe in folgenden Worten.
„Vater, in deine Hände gebe ich meinen Geist.“ (Lk 23,46)
Ich bin dankbar für das tiefgreifende Gespräche mit dieser kerngesunden Frau. Dankbar auch, dass meine Worte bis heute bei der Schwester in Erinnerung geblieben sind, dass sie Heilung geschenkt haben und noch immer Heilung bewirken.
„Schalenkrank und kerngesund“ – die Schwester der Verstorbenen hat dieses Wort im Gespräch ausgesprochen und seitdem trage ich es selbst wieder als kraftvolles Wort in meinem Herzen.

Euer / Ihr

Thomas Laufmöller

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