Sich selbst erkennen

Wer bin ich?
Wer möchte ich sein?
Was macht mich aus?
Bin ich zufrieden mit meinem Leben, das ich bislang gelebt habe?
Bin ich auf meinem Weg oder doch eher fremdbestimmt?

Der Schriftsteller Alexander Solchenizyn, von dem ich schon einige Werke mit Freude las und die mir gute Lebensimpulse gegeben haben, schenkt uns ein bewegendes Bild, um diesen Fragen auf den Grund zu gehen. Er betrachtet einen Fluss und deutet ihn auf sein Leben:
„Erst wenn der Strom eine breite stille Mündung erreicht hat, wenn er in einer flachen Bucht verweilt oder in einem stillen See, wird in seinem Spiegelbild jedes Blättchen eines nahen Baumes, jedes Federchen des zarten Gewölks und der blauen Tiefe unverzerrt erkennbar.“

Dein Inneres muss zur Ruhe kommen, das ist die Voraussetzung, um in der Tiefe deines Wesens dich selbst zu erkennen. Ich habe immer wieder Menschen erlebt, die diese Ruhe verloren haben. In vielen Klöstern gibt es mittlerweile Häuser der Stille, wie z. B. bei den Benediktiner Mönchen in Meschede. Dort habe ich Menschen angetroffen, die ihren Lebensrhythmus verloren haben. Die ganz vielen Aufgaben parallel nachgegangen sind und sich schließlich überfordert fühlten. Sie haben das lange ignoriert, bis sie plötzlich keine Kraft mehr hatten und jede Aufgabe zu schwer wurde.
Dem Tag eine Struktur geben, eins nach dem anderen zu tun, seine Möglichkeiten, aber auch seine Grenzen erkennen und entsprechend handeln, das gibt dem Leben Ruhe und das ist die Voraussetzung zur Selbsterkenntnis. Menschen treten mit Wünschen und Forderungen an uns heran. Der reflektierte Mensch fragte sich:
Kann und will ich diesem Wunsch nachkommen?
Habe ich gerade Zeit dafür?
Wieviel Zeit muss ich aufbringen, um diesen Wunsch zu erfüllen?
Was bleibt deswegen liegen oder müsste ich verschieben oder aufgeben?
Entscheidend ist, so meine ich, dass wir eine Gewichtung vornehmen. In der Regel sind viele Aufgaben wichtig. Wir kommen aber nicht daran vorbei zu fragen: Welche ist im Moment wichtiger? Und dass ich eine gute Balance finde zwischen dem, was ich selbst möchte und dem, was andere sich von mir erhoffen oder erwarten.
Eine Frau sagte einmal sehr treffend:
„Von allem zuviel – für mich zu wenig.“ Hier wird es Zeit hinzuschauen, zu reflektieren, zu handeln. Nur wenn ich selbst Zufriedenheit in mir trage, kann ich anderen eine Stütze, Hilfe und Unterstützung sein und mich dabei selbst nicht verlieren.
Das bemerkenswerte Bild von Alexander Solchenizyn will uns einladen, zur Ruhe zu kommen und dem eigenen Leben zu trauen. Sie müssen das nicht unentwegt machen, nicht stundenlang, manchmal genügt ein Augenblick. Entscheidend ist, dass sie es immer wieder tun und nicht auf die sogenannte lange Bank schieben.
Abschließend fällt mit noch ein Wort von Augustinus ein:
„Unruhig ist unser Herz, bis es ruht in Dir.“
Ich habe dieses Wort nie nur auf das Ende des Lebens gelesen und betrachtet. Beten zu Gott, sprechen mit Gott, auf IHN hören, IHM Zeit und Raum geben im Leben, das gibt mir – im Hier und Heute – Ruhe und eine innere Zufriedenheit. Vielleicht machen Sie ähnliche Erfahrungen. Ich wünsche es Ihnen von Herzen.

Euer / Ihr

Thomas Laufmöller

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