Im Leben kommen viele Dunkelheiten auf uns Menschen zu. Mit ihnen tun wir uns schwer. Sie passen nicht zu unserem Wesen und wir bäumen uns innerlich gegen diese Dunkelheiten auf. Aber sie kommen trotzdem und müssen in das Leben integriert werden. Wir sind aufgefordert, nach dem Sinn dieser Dunkelheiten zu suchen. Dieser Sinn wird uns unweigerlich zum Licht führen. Sinn ist immer lichtspendend. Tatsächlich erscheint es mir sogar als möglich, dass der Sinn der Dunkelheiten darin besteht, dass wir das Licht bewusst und mit aller Kraft suchen. Selbst im Dunkeln gilt es also, nach dem Licht am Ende des Tunnels Ausschau zu halten, nach den Sternen zu schauen. Auf diese Weise wird uns Orientierung und Motivation geschenkt.

Menschen sind Lichtwesen. Wir brauchen das Licht wie die Luft zum Atmen. Licht ist grundlegend. Dunkelheit ist eigentlich nicht ein gleichmächtiger Widerpart von Licht, sondern Dunkelheit kann immer nur an und durch Licht entstehen. Dunkelheit ist weniger Licht, ein Mangel an Licht – mit dem wir uns trotzdem nicht abfinden können. Im Buch Genesis lesen wir: „Im Anfang schuf Gott Himmel und Erde, die Erde aber war wüst und wirr“. Und was macht Gott als erstes mit dieser Wüste und dieser Wirrnis? „Gott sprach: Es werde Licht. – Und es ward Licht.“ Das Licht ist die Voraussetzung für alles andere, die Voraussetzung für Leben. In Haydns „Schöpfung“ ist diese Szene musikalisch sehr beeindruckend umgesetzt. Das Orchester spielt langsam und ruhig. Der Chor singt sehr zart: „Gott sprach: Es werde Licht“, die Musik setzt aus, der Chor singt zart weiter und macht zwischen jedem Wort eine Pause: „Und – es – ward“ und dann schlägt das „Licht“ sowohl stimmlich als auch instrumental mit aller Kraft ein. Hier wird das Entscheidende geschaffen. Es wundert daher nicht, dass das Licht die Sehnsucht des Menschen ist, dass es zum Leben führt und dass es die Liebe ist. Licht – Liebe – Leben – so ähnlich klingend, so untrennbar miteinander verbunden. Jeder Mensch sehnt sich nach der Liebe. Ihr Licht strahlt hell und zieht ihn zu sich. Findet er sie, so kommt er zum Leben.

Wenn wir Ostern feiern, so bedeutet dies, dass wir im Innersten wissen, dass es gut ausgehen wird. Das Leben wird gut ausgehen. Die Dunkelheiten des Lebens werden einmal ganz vom Licht umwölbt und damit aufgelöst. Unsere Sehnsucht nach diesem Licht, nach dem Licht der Liebe, wird erfüllt. Wenn wir Ostern feiern, so bedeutet dies aber auch, dass diese Sehnsucht heute noch nicht erfüllt ist. Wir müssen Geduld haben, wir müssen lernen, auf das endgültige Ostern zu warten und mit ganzem Herzen darauf zu vertrauen, dass es kommen wird.

Natürlich möchte die Sehnsucht die Erfüllung sofort und für ewig. Immer wieder sagen wir zum Augenblick: „Verweile doch, du bist so schön“. Das hat schon Goethe gewusst. Auch wir müssen erkennen, dass er mit absoluter Sicherheit nicht verweilen, sondern vergehen wird. Der schöne Augenblick trägt aber einen Verweis auf Ewigkeit in sich und an diesem Verweis dürfen wir uns erfreuen. Gleichzeitig sind wir gefordert, unserer Sehnsucht nach Licht, Liebe und Leben nachzuspüren, uns zu fragen, warum wir uns eigentlich danach sehnen und warum unsere Sehnsucht schon jetzt immer wieder kurzfristig und zu einem Teil gestillt wird. Warum reißt der Himmel für einen Moment auf und lässt durch die durchbrechende Sonne alles in einem verheißungsvollen Glanz erstrahlen?

Auf dem Weg zum Licht brauchen wir Wegbegleiter, die denselben Weg haben, die uns aber auch führen können. Bischof Reinhold Stecher schreibt, wir brauchen einen Schaffner mit Herzlichkeit, einen Schaffner, der ein Diplom der Herzensbildung hat. Wir brauchen einen Seelsorger, der sich wirklich um unsere Seele kümmert, der weiß, wonach sich unsere Seele sehnt, der weiß, dass es manchmal schwierig ist, das Ersehnte noch nicht zu haben.

Natürlich müssen wir versuchen, auch unsere eigenen Seelsorger zu werden, uns also um uns selbst zu sorgen. Das bedeutet, dass wir uns einen guten Lebensrhythmus aus Aktion und Kontemplation aneignen müssen. Immer in Aktion zu sein, hat zur Folge, dass die entscheidenden Fragen des Lebens aus dem Blickfeld geraten. Immer in Kontemplation zu verweilen, wird der Wirklichkeit des Lebens nicht gerecht. Da ist auch Alltag, da ist auch Interaktion.

Des Weiteren hilft es der eigenen Seele nicht, immer nach dem Nutzen zu fragen: Was bringt mir dies? Lohnt es sich, die Sache anzugehen? Welchen Nutzen kann ich dadurch erzielen? Wer so fragt, fragt nicht nach Gott, sondern nach sich selbst. Manche Dinge müssen wir einfach geschehen lassen. Hauptsache, wir bleiben offen für die Wirklichkeit und ihre Möglichkeiten. Dann werden Wunder auf uns zukommen.

Unsere Seele braucht die Stille. Der Lärm der Welt lässt uns nicht zur Ruhe kommen, lenkt uns von uns selbst, unserer Sehnsucht, unseren Fragen und von Gott ab. Henri Nouwen schreibt, dass wir genug Stille und Schweigen finden müssen, um die Stimme Gottes zu hören. Sie ist leise, weil es in uns und um uns herum zu laut ist. Schaffen wir es aber, die Stille gewissermaßen zu schauen, also mit Aufmerksamkeit geistig zu betrachten, dann öffnet sich die Tür zum Geheimnis Gottes.

In manchen Situationen ist es für unsere Seele wichtig, dass wir Dinge loslassen. Kreisen wir um unlösbare Probleme, werden wir niemals mehr aus dieser Bewegung herauskommen. Wir sind gefangen. Im Leben gibt es immer Erfahrungen, die uns mürbe machen. Um sie zu kreisen, würde unsere Seelen zerstören. „Let It Be“ – schlägt ein berühmtes Lied der Beatles vor. Erst wenn wir loslassen, können wir weiterziehen.

Wenn wir uns um unsere Seelen sorgen, müssen wir darauf achten, dass wir ‚heimholende Seelsorge‘ betreiben. Wir müssen uns fragen, wo wir daheim sind. Welche Dinge schenken uns das Gefühl, am richtigen Ort oder bei der richtigen Sache zu sein? Was berührt uns im Innersten? Welche Lieder? Welche Kompositionen? Welche Bilder? Welche Worte? Die Seele jedes Menschen wird durch bestimmte Worte berührt. Natürlich dürfen wir diese Worte suchen, aber wir müssen uns auch von ihnen überraschen lassen.

Ich musste in der letzten Zeit viele schlimme Worte ertragen. Es gab Menschen, die mich mit diesen Worten kleinmachen wollten. Aber ich hatte und habe auch liebe Seelsorger um mich herum, die meine Seele gestärkt haben. So wird es keinem Menschen gelingen, meine Seele kleinzumachen. Denn in meinem Innersten leuchtet das Licht des Glaubens und der Liebe. Nur liebevollen Menschen gewähre ich einen Zugang dorthin. Sind sie aber bei mir, meinem Innersten nahe, so bezwingen wir zusammen alle Dunkelheiten und folgen dem Licht der Liebe hin zum Leben.

Euer / Ihr Pastor

Thomas Laufmöller

Am Ende des Tunnels ist ein Licht

Ostern
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