In unserer Krippe sehen Sie heute zwei Stühle über den Gleisen, die einander gegenüber stehen. Dieses Bild soll deutlich machen, dass es unterschiedliche Fahrtrichtungen gibt. Fahrgäste sitzen entweder in oder entgegen der Fahrtrichtung. Auf das Leben übertragen, heißt dies, dass Menschen vorwärts oder rückwärts orientiert sind. Dies ist eine Frage an unsere Persönlichkeit. Bin ich eher jemand, der nach vorn in die Zukunft schaut? Oder bin ich jemand, der sehr an der Vergangenheit haftet? Ich möchte das „oder“ gern durch ein „und“ ersetzen. Jeder Mensch braucht beide Richtungen. Meist hängt es von der jeweiligen Lebenssituation ab, wo der Schwerpunkt der Blickrichtung gerade liegt. Zu manchen Zeiten kann man nicht ausschließlich nach vorn schauen. In der Vergangenheit liegt vielleicht eine Last, an der man schwer zu tragen hat. Wäre es dann aber nicht leichter, schließlich loszulassen, statt dass das Schwere einen niederdrückt? Auf der anderen Seite kann eine Blickrichtung nach vorn neben einer positiven Lebenseinstellung auch ängstlich geprägt sein.

Zu meinem Lebensalltag gehört es, jeden Morgen und jeden Abend jeweils 15 Minuten Audienz mit Gott zu halten. Beim Morgengebet lasse ich den Tag auf mich zukommen. Welchen Menschen werde ich heute begegnen? Wie wird der Tag verlaufen? Durch diese Vorausschau lege ich den Tag bereits am Morgen in Gottes Hände. Ich drücke so meine Dankbarkeit aus, den neuen Tag geschenkt bekommen zu haben. Ich mache Pläne, aber Pläne sind theoretisch und nicht schon das Leben. Dieses ist vielmehr wie ein spannendes Abenteuer und ich lasse es auf mich zukommen. Das ist eine wichtige Grundhaltung beim Blick nach vorn. Manche Dinge müssen erst wachsen und reifen.

Beim Abendgebet findet die Reflexion über den Tag statt. Wie war er? Was ist von dem, was ich mir vorgenommen hatte, gelungen? Was ist gescheitert? Bin ich Menschen gegenüber lieblos gewesen? Haben sie mich wiederum verletzt? Dieses Nachsinnen ermöglicht einen Abschluss des Erlebten und bereitet auf die Ruhe der Nacht vor.

Entscheidend im Leben ist allerdings weder Vergangenheit noch Zukunft, sondern die Gegenwart. Das Leben läuft im Wesentlichen in der Gegenwart ab. Statt nur haftend zurück oder planend nach vorn zu schauen, gilt es, im konkreten Hier und Jetzt zu leben. Die Meditation zielt auf eine Fokussierung auf den gegenwärtigen Augenblick. Als Unterstützung hilft die Beobachtung des Atems. So lernt man, in dem zu leben, was jetzt geschieht.

Natürlich sollen Vergangenheit und Zukunft nicht ausgeblendet werden. Die Erfahrungen, die man in der Vergangenheit gemacht hat, können eine Kraftquelle für die Gegenwart und mein Leben sein. Hat man hingegen zu schwer an der Last der Vergangenheit zu tragen, wird das Leben in der Gegenwart behindert. Diese wiederum kann entsprechend der Planung für die Zukunft gestaltet werden. Allerdings sollte man weise Worte von John Lennon nicht vergessen: „Leben ist das, was passiert, während du eifrig dabei bist, andere Pläne zu machen.“ Das Leben hält sich nicht immer an die eigenen Pläne. Sie sind Theorie und man weiß nie, ob sie konkret werden.

Ein weiterer Blick auf unsere beiden Stühle zeigt uns, dass ein Leben in der Gegenwart ein Leben mit Begegnung und Dialog ist. Vielleicht haben Sie selbst schon einmal die Erfahrung im Zug gemacht, dass Sie einem Menschen allein in einem kleinen Abteil gegenüber saßen und ein tiefes Gespräch mit ihm begonnen haben. Solch ein Dialog sollte wie ein Pingpong-Spiel sein. Die Worte werden hin und her geworfen. Die Redeanteile sind gleich. Ich lasse den Anderen zu Wort kommen und tue nicht nur meine eigene Meinung kund. Unterschiedlichkeit in den Ansichten kann ein Gewinn sein und eröffnet Demut, die aus der Erkenntnis entsteht, die Wahrheit nicht absolut zu haben.

Ein Dialog bietet die Möglichkeit zu einem Perspektivwechsel und weitet so den eigenen Horizont. Wir brauchen Gegenpole, die zusammen eine Harmonie bilden können. Das setzt voraus, den Anderen mit liebenden Augen anzuschauen und ihm mit dem Herzen zuzuhören. Es setzt eine Wertschätzung des Anderen voraus sowie eine Begegnung auf gleicher Augenhöhe. Entscheidend ist nicht, ob ich gebildeter bin als der Andere oder über mehr Informationen verfüge, sondern ob jeder sich auf seine Weise einbringen darf.

Woran orientiere ich mein Leben? Mit dieser Frage sind wir in der Mitte des heutigen Evangeliums.  Johannes der Täufer hat nicht nach vorn oder zurück geschaut, sondern sein Leben auf den Himmel hin orientiert. Dieser ist ein Bild für das Gute – für die unbegrenzte Liebe. Der heilige Stephanus sagte, er sehe den Himmel offen, d.h., er sehe die Liebe Gottes.

Der Isenheimer Altar zeigt die Kreuzigung Jesu. Im 30-jährigen Krieg war diese Darstellung ein Halt für die Menschen. Rechts neben dem Kreuz sehen wir Johannes den Täufer, der mit langem Finger auf das Kreuz zeigt und damit ausdrücken möchte: „Der am Kreuz muss wachsen und ich muss abnehmen“. Obwohl Scharen von Menschen zu ihm kamen, um sich taufen zu lassen, hat Johannes sich stets zurückgenommen. Er sei nicht der Messias, er sei kein Prophet, hat er betont. „Ich bin ein Rufer in der Wüste“, waren vielmehr seine Worte. Seine Lebensorientierung galt der Liebe Gottes durch Jesus Christus in der Welt. Wie kam er zu dieser Liebe?

In Jesus Christus sah Johannes das Licht der Welt. Licht – Liebe – Leben – diese Worte klingen ganz ähnlich und sind in ihrer Bedeutung sehr nah. Johannes hat gespürt, dass Jesus statt nur mit Wasser mit Feuer und dem Heiligen Geist taufen wird. Er selbst sei nur ein Bote der frohen Botschaft, dass der Messias komme. Spricht man von Jesus Christus als Licht, muss man das ewige Licht im Blick haben. Sein Leben zielte auf das ewige Leben. Seine Liebe war nicht begrenzt wie unsere, sondern grenzenlos. Die Fülle der Liebe Gottes war in ihm. Diese Erkenntnis kann das eigene Leben umhüllen und tragen. Das Ziel des menschlichen Lebens ist es, einmal ganz in diese Liebe einzugehen.

C.G. Jung hat den Menschen gefragt, ob er auf Unendliches ausgerichtet sei – oder doch nur auf Endliches. Sind wir auf das ewige Licht, das ewige Leben und die unbegrenzte Liebe ausgerichtet?  Haben wir den Mut, auf die unendliche Liebe Gottes zu vertrauen, so wird sie uns durch die Höhen und Tiefen des Lebens tragen. Wir Menschen schauen mal nach vorn und mal zurück. Nehmen wir den Blick des Johannes dazu und schauen wir auf die unendliche Liebe Jesu Christi. Denn sie hält uns letztlich am Leben.

Ihr Pastor

Thomas Laufmöller

Bin ich vorwärts oder rückwärts orientiert?

Predigt zum 3. Advent
Mk 1,1-8