„Der Herr segne dich und behüte dich.
Der Herr lasse sein Angesicht über dich leuchten und sei dir gnädig.
Der Herr wende sein Angesicht dir zu und schenke dir Frieden und Heil.“
(Num 6, 24-26)

Ist dies nicht ein wunderbares Segensgebet? Es wirft in mir sofort die Frage auf, wie sehr wir aus dem Segen Gottes leben. Das Volk Israel spürte damals, dass das Leben nicht zur Blüte kommen würde, wenn es nicht an Jahwe festgemacht ist. Lebt man in Hass und Gewalt, entfernt man sich ganz natürlich von ihm. Noch heute wird die gottesdienstliche Gemeinde im Judentum mit diesen Worten gesegnet. Auch in der evangelischen Kirche wird der Segen oft gesprochen. In der katholischen Kirche kommt er seltener vor, er ist aber trotzdem von Bedeutung.

Wer segnet Sie eigentlich? Haben Ihre Eltern Sie vielleicht gesegnet? Kennen Sie diese Erfahrung, dass ein Mensch die Hand über Sie ausgebreitet hat, um sie zu umschließen und Ihnen auf diese Weise einen Segen zu schenken? Wie haben Sie solche Erfahrungen heute in Erinnerung? Was ist mit der umgekehrten Richtung? Haben Sie den Mut, andere Menschen zu segnen, beispielsweise wenn ein geliebter Mensch seinen Weg in den Alltag geht? Es ist nicht Priestern vorbehalten, Segen zu spenden, sondern jeder ist eingeladen, die Menschen zu segnen. Nehmen Sie dies wahr? Ergreifen Sie die Chance, einen geliebten Menschen an Ihrer Seite zu segnen?

Meine Mutter hat uns fast immer gesegnet, wenn wir als Kinder das Haus verlassen haben. Mein Vater lebte auch aus dem Segen Gottes und schöpfte daraus Kraft, war aber ansonsten zurückhaltender. Jeder muss nach seiner eigenen Wahrhaftigkeit leben. Im Studium habe ich den Segen meines Spirituals Johannes Bours erlebt. Wir haben zusammen Erfahrungen und Dinge ins Wort gefasst: Wie ist mein Leben verlaufen? Was treibt mich an? Dann folgte ein Moment der Stille, um von der menschlichen Dimension zu Gottes Geist und Segen hinüberzugehen. Mein Spiritual legte schließlich eine seiner Hände auf meinen Kopf, die andere Hand auf meine Schulter und segnete mich. Ich habe diesen Menschen als Brücke erfahren, durch den die ganze Liebe Gottes in mich hineinströmte. Es war ein Geschenk durch eine Handlung, die die Liebe spürbar gemacht hat.

In der Theologie gibt es die Lehre, dass die Wirksamkeit eines Sakraments unabhängig vom Sakramentenspender ist. Ich selbst mache eine andere Erfahrung. Die Wirksamkeit hängt von der lebendigen Beziehung zwischen mir und dem Menschen ab, der mir das Sakrament spendet. Und so ist auch das Wirken des Segens ein anderes, wenn er in Liebe ausgesprochen wird.

Als ich in diese Gemeinde gekommen bin, habe ich den Ritus der Versöhnungsfeier eingerichtet. Ältere Menschen kennen noch die Verbindung zwischen Schuld, Beichte und Härte. Jesus aber ist nicht von der Schuld, sondern von der versöhnenden Liebe ausgegangen. So empfängt in unserer Versöhnungsfeier jeder Einzelne persönlich den Segen Gottes. Ich sehe dabei, welche Dankbarkeit sich in den Gesichtern zeigt, welche Weite und welche Leichtigkeit. Der Druck, der mit der Erinnerung an die eigene Beicht-Vergangenheit aufgekommen ist, löst sich. Viele Menschen sehnen sich daher nach solch einem liebenden Segen.

Das führt uns zum Aaronitischen Segen. Er ist gewissermaßen ein Gedicht in drei Kapiteln, die alle wesenhaft Segen sind.

  1. „Der Herr segne dich und behüte dich.“

„Segnen“ heißt im Lateinischen „benedicere“, also „gut sagen“. Gottes Worte sind voller Güte und Kraft. Gott meint es gut mit uns. Er ist das Gute selbst, die Liebe selbst. Durch einen Segen nimmt der Mensch an dieser göttlichen Güte, an seinen guten Worten teil. Welche Worte setzen Sie selbst ein? Haben Sie eine zugeneigte Sprache? Wie sieht es im Falle einer Auseinandersetzung aus?

Der Mensch braucht Schutz, ist von seinem Wesen her schutzbedürftig. Schon die ersten Menschen haben sich aus diesem Grund Höhlen gesucht. Wir brauchen Schutz von Menschen, die uns begleiten. Selbst unser Reden vom Schutzengel weist darauf hin, dass wir uns der Gefahren des Lebens bewusst sind und hoffen, dass jemand oder etwas uns vor ihnen beschützt. Welcher Mensch ist Ihnen ein Schutzengel? Welcher Mensch legt sich wie ein Schutzmantel um Sie herum? Wie sehr vertrauen Sie darauf, dass Gott Sie beschützt?

  1. „Der Herr lasse sein Angesicht über dich leuchten und sei dir gnädig.“

 

Wenn Sie einen Menschen kennenlernen oder treffen, wo schauen Sie dann als erstes hin? Wahrscheinlich ins Gesicht. Ist es nicht ein wunderbares Gefühl, von einem Menschen angelächelt zu werden? Sein Gesicht zeigt sich dann ganz offen und Liebe und Licht blicken mir entgegen. Das Gesicht leuchtet und in mir wird es warm. Advent heißt Ankunft des Lichtes. Die Liebe Gottes soll zum Leuchten gebracht werden. Gott will den Menschen mit seiner Kraft anleuchten.

Dieses liebende Leuchten Gottes ist ein großes Geschenk. Es ist Gnade. Alle Menschen brauchen Gnade, da jeder auf die eigenen Grenzen stößt. Paulus betont daher, dass man sich die Ewigkeit nicht verdienen kann. Sie geschieht aus der Gnade Gottes. So ist auch der Segen sein Geschenk an den Menschen, der ihn weder bestellen kann, noch ein Recht darauf hat.

  1. „Der Herr wende sein Angesicht dir zu und schenke dir Frieden und Heil.“

 

Die Hinwendung Gottes zum Menschen wird besonders gut in der Bedeutung des Wortes „Jahwe“ deutlich: „Ich bin da“. Gott sucht die Nähe zum Menschen. Diese segensreiche Hinwendung geht von ihm aus, aber sie soll keine Einbahnstraße sein. Der Mensch darf sich für die Nähe Gottes öffnen und sie zulassen. Wollen Sie Gott tief in Ihr Herz lassen?

In dieser liebenden Hinwendung wird dem Menschen Frieden und Heil geschenkt. Im Hebräischen steht an dieser Stelle „schalom“. Dieses Wort ist von einer sehr umfassenden Bedeutung. Leben entsteht, wenn der Mensch die Liebe Gottes in sein Herz lässt. Dafür muss er von sich selbst Abstand nehmen, um Gott wirken zu lassen. Er darf das Geheimnis der Liebe Gottes empfangen.

Was passiert im Menschen, wenn er dieses absolute Geheimnis in sich spürt, wenn Gottes Angesicht sich ihm zuwendet? Er wird vor lauter Unfassbarkeit staunen. Das bleibt Thomas von Aquin zufolge auch im ewigen Leben so, wenn der Mensch Gott von Angesicht zu Angesicht schaut. Das Geheimnis wird nicht entschlüsselt, wenn der Mensch Gottes Liebe am nächsten kommt. Die absolute Unbegreiflichkeit zeugt ein ewiges Staunen und gerade darin liegen Frieden und Heil des Menschen. Gerade das ist ein Segen für den Menschen.

Wie sehr leben Sie aus dem Segen Gottes? Wie sehr ist er Ihnen notwendig? Vielleicht möchten Sie sich für dieses neue Jahr vornehmen, Ihr Leben mehr unter den Segen Gottes zu stellen und den Mut zu haben, die geliebten Menschen an Ihrer Seite zu segnen.

Ihr Pastor

Thomas Laufmöller

Der Aaronitische Segen

Sylvester/Neujahr
Num 6,22-27
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