In jedem Menschen findet sich eine Sehnsucht. Es ist eine tiefe Sehnsucht nach Heil. Gott hat dem Menschen diese Sehnsucht ins Herz gelegt und darum wird er sie auch erfüllen. Denn sonst würde Gott sich selbst und seiner Liebe widersprechen. Immer wieder erleben die Menschen schon jetzt heilsame Augenblicke und Zeiten, aber niemals das vollendete Heil. Sie müssen gleichzeitig Unheil aushalten. Sind wir bereit, beides – Heil und Unheil – in die Hände Gottes zu legen und ihm zu vertrauen?

Gedanken über die menschliche Sehnsucht, das Heil zu erfahren, finden sich an vielen Stellen in der Heiligen Schrift. Ebenso beschreibt sie, wie Menschen lernen, mit dem Unheil umzugehen und auch aus dieser Perspektive einen Lebensweg zu finden. So unser heutiges Evangelium.

Der Mensch ist ein Wesen aus Leib und Seele – seine Seele ist Geistseele. Menschen sind also geistige Wesen, aber gleichzeitig körperlich. In diesem Sinne brauchen sie die Nähe konkreter Menschen und sie brauchen deren körperliche Zuwendung. Menschen leben von Berührungen. Sie „streicheln“ Körper und Seele gleichzeitig. Man fühlt sich angenommen und geborgen, man darf spüren, wie gut Vertrauen einem tut, man überwindet das Gefühl, nur einer zu sein. Berührungen sind existentiell wichtig und wirken stärkend und heilsam. Wenn ein Mensch von liebenden Armen umschlossen wird, schenkt diese Berührung ihm Segen und Heil.

In der Geschichte „Dienstags bei Morrie“ besucht Mitch jeden Dienstag seinen ehemaligen Professor Morrie, der an ALS erkrankt ist. Während eines Besuches beobachtet Mitch, wie Morrie massiert wird, damit seine Muskulatur sich löst. Mitch scheint das unangenehm zu sein – dieser Anblick eines alten Mannes, der berührt wird. Das liest Morrie sofort in den Gedanken seines Schülers und klärt ihn auf: Als Kinder können wir gar nicht genug von Liebkosungen bekommen. Ohne sie würden wir verkümmern. Wenn wir ein gewisses Alter erreicht haben, meinen wir, wir wären nicht mehr auf Berührungen angewiesen. Aber das ist ein Irrtum. Jeder Mensch braucht in jedem Alter liebende Berührungen, um heil zu bleiben.

Jesus Christus kennt dieses Bedürfnis des Menschen gut. Wie geht er damit um? Als erstes nimmt er das konkrete Unheil eines Menschen wahr. Er hat eine große Sensibilität in sich, sieht die Not in den Augen des Gegenübers. Er schaut von sich selbst weg, um das zu erkennen, was den Anderen bewegt und besorgt. Damit lässt er den Menschen nicht allein, sondern er hat eine Haltung inne, die den Notleidenden begleiten möchte. Ich denke hier daran, wie ich einmal auf dem Kirchplatz einen Mann ganz naiv fragte, wie es ihm gehe. Seine Antwort hat mich zum Nachdenken gebracht: „Herr Pastor, haben Sie eineinhalb Stunden Zeit?“ Eine solche Frage zu stellen, bedeutet, dass man eine innere Haltung mitbringen muss, die bereit macht, gegebenenfalls eineinhalb Stunden Zeit zu verschenken. Erst dann nimmt man den Anderen ernst; erst dann nimmt man die Frage ernst. Erst wenn man bereit ist, den Anderen sich aussprechen zu lassen, schenkt man wahrhaftige Liebe. Man trägt Empathie in sich und strahlt aus, dass man für die Menschen da ist.

Heilung kann somit Schwerstarbeit sein. Vor den Wunden der Menschen nicht zurückzuweichen, sondern standzuhalten und auszuhalten, zeichnet Jesus ganz besonders aus. Ohne jemanden wie ihn wären die Notleidenden wie „Schafe, die keinen Hirten haben“ (Mk 6, 34). Im Trauerseminar erlebe ich immer wieder Menschen, die mir berichten, dass Zuhause keiner mehr ihre Trauer erträgt. Familie und Freunde wollen davonlaufen, wenn der Trauernde wieder zurück in die Tränen fällt. Jesus hingegen sagt: „Kommt alle zu mir, die ihr euch plagt. Ich werde euch Heilung schenken“ (Mt 11, 28). Durch sein Grundwesen begibt er sich in Einklang mit den Notleidenden. Seine innere, von Gott erfüllte Geisteskraft bewirkt Heilung.

Als Heiland der Welt will Jesus den Menschen in ihrer Sehnsucht nach Heil helfen. Romano Guardini schrieb einmal von einer „Liebe vom heiligen Ernst“. Sie bewirkt eine ernsthafte Auseinandersetzung mit dem Unheil. Jesus geht mitten hinein, ummantelt die Menschen und berührt sie dadurch tief.

Jesus geht das Unheil radikal an. „Radikal“ kommt von „radix“ und bedeutet „Wurzel“. Er dringt bis zur Wurzel des Unheils vor. Das bedeutet, dass er die Ursachen der Unruhe ergründen möchte und auf die inneren Gefühle des Gegenübers schaut, die diesen krank machen können. Wie lebt dieser in seinem Inneren? Finden sich Lieblosigkeit, Perfektionismus, Zorn oder Angst in ihm? Mangelt es ihm an Vertrauen? Lebt er das, was ihn erfüllt? Was kann er selbst verändern, um heil zu werden?

Diesen Ansatz verfolgt Jesus auch, als er die Schwiegermutter des Petrus besucht. Sie liegt mit Fieber im Bett. Ich möchte das psychologisch deuten. Die Szene befindet sich ganz am Anfang des Markus-Evangeliums. Petrus hat sich gerade von jetzt auf gleich dazu entschlossen, sein Fischerdasein aufzugeben und Jesus nachzufolgen. Ein Jahr werden sie zusammen um den See Genezareth ziehen. Das schließt mit ein, dass er seine Familie zurücklässt. Wer wird sich um seine Frau und seine Kinder kümmern? Woher wird das Geld kommen? Seine Schwiegermutter ist erfüllt von Angst und Sorge, von Zorn und von Not um die Zukunft und die Existenz der Familie. Jesus erkennt diese Sorgen und nimmt sie ernst. Er versteht, dass sie krank machen. Als nächstes berührt er die Schwiegermutter. Er fasst sie an der Hand. Dadurch drückt er aus, dass er sie versteht, dass er bei ihr ist und das Leid mit ihr trägt. Das richtet sie nicht nur körperlich, sondern auch seelisch auf. Aber seine heilenden Hände sind nicht alles. Ich stelle mir vor, dass Jesus die Schwiegermutter zusätzlich beruhigt und ihr zusagt, dass Petrus verändert wiederkommen wird. Jesus wird ihn mit neuem Geist erfüllen, so dass er von großem Wert für die Familie und die Menschen im allgemeinen sein wird. Auch dieser Trost bewirkt, dass das Fieber weicht. Die Schwiegermutter gewinnt erneut Vertrauen und bekommt einen neuen Ausblick, kann das Leben auf einem neuen Weg gehen.

Manchmal ist es im Leben notwendig, sich neu zu orientieren. Das zeigt nicht nur das Beispiel der Schwiegermutter, sondern auch Jesus selbst, der am Ende des Tages, den er mit weiteren Heilungen verbracht hat, in die Einsamkeit und Stille geht. Er braucht Zeit für sich und Gott im Gebet. Er muss seine Gedanken fokussieren und neu ordnen. Er schenkt dem Aufmerksamkeit, dem er seine Kraft und seine Liebe zu verdanken hat – der Quelle des Heils. In dieser Situation befinde auch ich mich. Die Neuordnung meines Lebens, die mir von Außen aufgetragen wurde, hat zwar noch kein Fieber, aber eine innere Spannung in mir ausgelöst, die Heil sucht.

Ich hoffe, dass wir alle in solchen Situationen Menschen haben, die uns berühren, und einen Glauben, der uns sagt, dass auch Jesus uns berühren und existentiell halten wird. Das Evangelium kann uns in diesen Zeiten eine Hilfe sein, aber auch eine Motivation, uns immer wieder liebenden Menschen anzuvertrauen und uns in ihre Umarmungen fallenzulassen

Euer / Ihr Pastor

Thomas Laufmöller

Heilen durch Begegnen und Berühren

5. Sonntag im JK
Mk 1,29-39