Die Botschaft Jesu ist eine Botschaft voller Sanftheit. Sie ist eine Botschaft der Liebe. Sie ist eine Botschaft, die Menschen aufrichtet und ihnen zugeneigt ist. Friedrich Nietzsche hat einmal gesagt, diese Botschaft sei allen Schafsnaturen auf den Leib geschrieben. All jene, die ein idyllisches Bild haben, haben diese Botschaft im Herzen. Aber wie sieht die Realität aus? Was hat man aus der Botschaft der Sanftheit gemacht? Man hat sie brutal zugedeckt.

Im heutigen Evangelium lesen wir, Jesus sende seine Jünger wie Schafe mitten unter die Wölfe. Die christliche Botschaft hat die Menschen, sogar ganze Familien entzweit. „Der Bruder wird den Bruder dem Tod ausliefern.“ Man hat sich also aufgrund des Glaubens gegenseitig umgebracht. Wie konnte es zu einer Vergewaltigung der Botschaft Jesu kommen, die dies zur Folge hatte? – Es gibt nicht nur Schafe, sondern auch Wölfe unter den Menschen, wie Jesus andeutet. Das gilt nicht nur heute, sondern es galt bereits damals am Anfang der Geschichte des Christentums. Allerdings müssen wir beachten, dass im heutigen Evangelium eher die Stimme des Matthäus zu hören ist als die Stimme Jesu. Das Judentum trennte sich ab 70 nach Christus, als das Evangelium entstanden ist, immer mehr vom Christentum ab, und zwar brutal. Das Judentum fühlte sich vom Christentum im Stich gelassen. Im Kampf gegen die Römer hätte es die Hilfe der Christen dringend benötigt, doch die zogen nach Norden. So traf sie der Vorwurf der Juden.

Die Botschaft der Liebe kann entstellt werden, um Menschen klein zu machen. Christen kamen vor das Synhedrion, d.h. vor die jüdische Gerichtsbarkeit, und wurden brutal bestraft. Die Mächtigen, die dieser Gerichtsbarkeit vorstanden, hatten die Stärkung ihrer Macht im Auge und dies war mit der Botschaft Jesu unverträglich. Ihn als den Gründer einer Religion konnten sie nicht in ihr Herz lassen. Wer sein Herz öffnet, muss Macht abgeben. Die Mächtigen wollten aber nichts abgeben, sondern sie wollten bestimmen. Sie wollten größer und stärker werden. Dies betraf natürlich nicht nur die Mächtigen der jüdischen Gerichtsbarkeit. Die Natur des Menschen ist zwar nicht in ihrem Ursprung, aber in ihrer Entwicklung verdunkelt. Wie sehr wünschten wir, die ursprüngliche Natur, also die Natur der Idylle, die Natur der Sanftheit, würde bleiben.

In Laufe der Geschichte sind immer nur Einzelne aufgestanden, um die Wahrheit der Liebe aufzunehmen und zu verkünden. Einer von ihnen war der Prophet Jeremia, der ca. 600 Jahre vor Christus lebte. Das jüdische Volk verriet die Liebe Jahwes und Jeremia stand auf und konfrontierte das Volk mit der Wahrheit. Natürlich wurde er brutal an die Seite gedrängt.

Einen ähnlichen Fall finden wir bei Stephanus in der Apostelgeschichte. Er kommt vor den Hohen Rat, weil er gesagt haben soll, Jesus wolle den Tempel zerstören. Statt dazu Stellung zu nehmen, provoziert er seine Ankläger, indem er ihre eigenen Abwege vom Weg Jahwes aufzeigt. Er stellt sie sehr dezidiert an den Pranger und nennt das von ihnen begangene Unrecht beim Namen. Seine Rede beendet er mit den Worten: „Ich sehe den Himmel offen und den Menschensohn zur Rechten Gottes stehen“. Damit will er sagen, dass er die Liebe Jesu Christi offen sieht. Sie hat ihn im Innersten berührt und darum öffnet sich ihm der Himmel. Als jemand, der von dieser Liebe berührt wurde und auf sie vertraut, kann er nicht anders, als für diese Liebe einzustehen. Die Botschaft der Liebe hat Konsequenzen. Fragen stellen sich dann von selbst: Wie lebe ich? Schaue ich hin? Wie gehe ich damit um, wenn mir ein anderer Mensch den Spiegel vorhält? Ist mein Leben, ist meine Person mit der Liebe vereinbar? Oder muss ich mich wandeln? Stehe ich auf, wenn ich Lieblosigkeiten beobachte? Stephanus steht auf. Er muss aufstehen.

Das Reich Gottes ist nicht vollendet, sondern nur anfänglich verwirklicht. Es wird von der Natur des Menschen immer wieder zurückgedrängt. Aber wenn man von der Liebe, die dieses Reich verkörpert, gehört hat und berührt wurde, muss man für diese Liebe eintreten. Das bedeutet, dass man unter Umständen Wahrheiten ans Licht bringen muss, die andere Menschen gern verborgen gehalten hätten. Und man muss sich darüber im Klaren sein, dass dies Folgen für das eigene Leben haben kann, dass man mit Gegendruck rechnen muss. „Wer die Wahrheit sagt, braucht ein schnelles Pferd“, bemerkt Buffalo Bill. Stephanus wird für seine Rede gesteinigt. Er wird dafür gesteinigt, dass er die Irrwege der Hohenpriester offenlegt und sich für wahrhaftige Liebe einsetzt. Dies ist ihm wichtiger als sein eigenes Leben.

Die Mächtigen und die Institutionen der Geschichte haben die Liebe zurückgedrängt. Einzelne traten für sie ein. Frage dich: Wer bist du? Was ist deine Wahrheit? Wer möchtest du sein?

Ihr Pastor

Thomas Laufmöller

Heiliger Stephanus

Predigt zum 2. Weihnachtstag
Mt 10,17-22
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