Die geographischen Bilder in der Heiligen Schrift, beispielsweise Wasser, Berg und Wüste, sind auch Bilder des Glaubens. Welches Glaubensbild verbirgt sich hinter der Wüste? Was bedeutet die Wüste für Sie und wie füllen Sie dieses Bild?

Wenn wir an das Leben eines Mönches denken, dann fällt uns wahrscheinlich sehr schnell jemand wie der Hl. Benedikt ein. Er hat im 6. Jh. eine Klostergemeinschaft gegründet. Benediktinerklöster kann man schon von Weitem durch die großen Klostermauern sehen. Die ersten Mönche aber waren Eremiten. Ihre Häuser waren in Stein gehauen und sie haben dort allein gelebt. Hier ist auf Antonius zu verweisen, der im 4. Jh. als Eremit in Ägypten gelebt hat. Schon zu der damaligen Zeit wollten Menschen also das Wirrwarr und die Hektik des Alltags verlassen und sich an einen Ort zurückziehen, der ihnen die Möglichkeit bot, nachzudenken, in sich selbst hineinzuschauen, sozusagen in sich zu versinken, um ganz bei sich selbst und seinem Gott zu sein. Auf diese Weise wollten sie der Zerrissenheit und den Unzufriedenheiten des Lebens entgehen und Einheit schaffen.

Nicht jeder Mensch muss sofort Mönch werden, wenn er das Bedürfnis hat, sich zurückzuziehen. Carlo Caretto empfiehlt, Wüsten zu schaffen, „dort wo du bist und lebst“. Spaziergänge können das bieten. Oder man bleibt einfach mal zehn Minuten auf einem Stuhl sitzen, statt von Aktion zu Aktion zu springen. Ich denke auch an die Einkehrtage während meiner Priesterausbildung. Einmal im Monat war ein Tag zum Innehalten vorgesehen. Er wurde „Wüstentag“ genannt. In meiner Wohnung habe ich einen kleinen Ruheraum, in dem ich mir jeden Morgen für zehn Minuten eine Wüste schaffe.

Was geschieht während einer Wüstenerfahrung? Als erstes führt solch eine Erfahrung in die Einsamkeit hinein. Mit sich selbst allein zu sein, muss man aushalten lernen. Das schafft nicht jeder sofort. Je mehr Unruhe ein Mensch in sich selbst hat, je mehr er uneins mit sich selbst ist, desto mehr läuft er vor dem Alleinsein davon. Bei jedem Menschen gibt es etwas, wo er hinschauen müsste, wo er nach dem Rechten sehen müsste, das er in Ehrlichkeit und Wahrhaftigkeit ausbreiten, statt zudecken müsste. Eine Wüstenerfahrung ermöglicht es dem Menschen, in das eigene Herz, in die eigene Seele zu schauen und das Geschaute bewusst offenzulegen. Erleuchtung findet im Inneren statt, sagt Augustinus.

Das bedeutet auch, dass andere Stimmen, ob Lob, Rat oder Tadel, für diese Zeit ausgeblendet werden müssen, damit man ganz bei sich selbst sein kann. Natürlich kann der Ratschlag eines anderen Menschen einem eine Hilfe sein. Aber die Lebensentscheidung muss man letztlich selbst treffen.

Wüstenerfahrung bedeutet außerdem eine Begegnung mit Gott. Es braucht Augenblicke, in denen ein Mensch ganz allein vor seinem Schöpfer stehen muss. Im heutigen Evangelium heißt es nicht, dass Jesus in die Wüste gehen will. Vielmehr wird er vom Geist Gottes in die Wüste geschickt. Er lässt sich von der Liebe Gottes führen und in die Wüste bringen, da er weiß, dass dieser ihm helfen wird, eine größere Tiefe zu finden. Ein Priester betet jeden Abend in der Komplet: „Vater, in deine Hände geb‘ ich voll Vertrauen meinen Geist“. Dies ist ein Vertrauen auf die liebevolle und mutmachende Begleitung Gottes. Sein Licht und seinen Schatten lässt er los und gibt alles Gott. Als Mensch steht man mit leeren Händen vor ihm. Man gibt alles weg, lässt alles los, um sich ganz leer vor Gott zu stellen. Auch das ist nicht einfach. Ignatius von Loyola spricht von Exerzitien. Das Wort drückt es schon aus. Man muss dies üben.

Damit ein Wüstentag einen Menschen in Glaube, Hoffnung und Liebe weiterführt, braucht es sein Mittun. C.G. Jung stellt daher fest: „Nichts, was nicht angenommen ist, kann verwandelt werden“. Gott sagt uneingeschränkt „Ja“ zum Menschen, aber der Mensch muss auch zustimmen – er muss „Amen“ sagen. In ihm kann sich nur dann etwas wandeln, wenn er alles hinlegt, was er hat. Sein Leben hängt mit Gott zusammen, gehört zu ihm. Das schließt mit ein, dass er sich so annimmt, wie er gerade ist und empfindet. „Sei du dein. Und ich werde dein sein“, liest man bei Nikolaus von Kues. Der Mensch kann ganz anders in Verbindung mit Gott treten, wenn er in Liebe auf die eigene Geschichte schaut. Sie ist der Weg, den Gott mit ihm gegangen ist. Das ist ein unendlicher Trost.

Wüstentage sind aber nur die eine Seite des Lebens. Wir brauchen auch den Anderen, die Gemeinschaft, die Begegnung. „Ich bin, weil du bist“, schreibt Martin Buber. Die Erfahrungen der Wüste schaffen allerdings eine Klarheit, mit der man dann den Menschen besser begegnen kann. Bischof Stecher hat Wüstentage im Zug gemacht. Dies ließ ihn innehalten, über sein Leben nachdenken, bei sich sein und danach den Menschen mit neuer Klarheit und Liebe begegnen.

Ich selbst suche gerade Klarheit über meinen Weg. Die schwierigen Gespräche mit der Bistumsleitung fordern mich sehr heraus. Was ist Klarheit? Als Pfarrer Schumacher beerdigt wurde, sagte jemand von der Bistumsleitung, ich wolle nach Wolbeck gehen, um näher bei meinen Eltern zu sein. Das entspricht nicht der Wahrheit. Der Bischof hat diese Entscheidung getroffen. Ich habe zu keinem einzigen Zeitpunkt gesagt, dass ich St. Stephanus verlassen möchte. Vor Kurzem rief mich ein Kollege an, der mich an ein Gespräch vor zwei Jahren erinnert hat. Damals hatte er gefragt, wohin es mit mir gehen würde. Ich sei schon so lange in St. Stephanus und der Friedensschule. Meine Antwort: „Ich möchte bis zur Pension hierbleiben“. DAS ist die Wahrheit. Es war nie mein Wunsch und es ist auch nicht mein Wunsch, St. Stephanus zu verlassen. Nun suche ich Klarheit darüber, welcher Weg zu meinen Fähigkeiten und Talenten passt. Ich suche einen Weg, der für mich tragbar und machbar ist. Ich suche einen Weg, der meiner Wahrhaftigkeit entspricht. Ich werde der Bistumsleitung Fragen stellen, denn es geht um mein Leben. Nicht nur ich habe eine Gehorsamspflicht. Der Bischof hat auch eine Fürsorgepflicht.

„Nur wer nichts zu verlieren hat, gewinnt den Mut zur Wahrheit“, sagt Eugen Drewermann. Im Grunde ist es nur schlimm, seinen Glauben und seine Liebe zu verlieren. Wenn der Mensch aber die Liebe Gottes findet und ihr vertraut, findet er auch die Wahrheit. Das setzt voraus, dass er sich von allem anderen freimacht, Ängste und Sorgen beiseite legt. In der Wüste lässt sich eine solche Wahrheit finden. Darum war ich zehn Tage allein mit mir, um Klarheit zu gewinnen und meine eigene Wahrhaftigkeit zu suchen. Dies werde ich in nächster Zeit weiterentwickeln. Ich möchte Gott ganz leer begegnen und aufrecht und wahrhaftig meinen Weg gehen.

Wüstenerfahrungen lassen den Menschen seine eigene Wahrheit finden. Wagen Sie diese Erfahrung, spüren Sie Ihrem Inneren nach und dann gehen Sie zu den Menschen und verkünden, was Sie erlebt haben. Mit welcher inneren Haltung gelingt dies am wahrhaftigsten? In Liebe zu Gott, in Liebe zum Nächsten und in Liebe zu sich selbst.

Euer / Ihr Pastor

Thomas Laufmöller

Meinem Inneren nachspüren

1. Fastensonntag

Mk 1,12-15