Streiten Sie sich gern? Haben Sie in dieser Woche einen Streit erlebt? Wie sind Sie mit dem Streit umgegangen? Um Streitigkeiten aus dem Weg zu gehen, sagen manche Menschen, dass sie lieber unter Gleichgesinnten leben. Das scheint auf den ersten Blick einfacher, glücklicher und fruchtbarer für sie zu sein. Über Konflikte sagen diese Menschen, dass sie ihrer Seele nicht guttun. Aber kann Streit nicht auch lebensbereichernd sein? Gerade in der Diversität kann etwas Neues entstehen. Eingefahrenes erhält neue Lebendigkeit. Verschiedene Positionen treffen im Streit aufeinander und können dadurch miteinander verbunden werden. Die eigene Sichtweise relativiert sich; Horizonte können sich weiten und ein Mensch kann lernen, mit den Sichtweisen anderer menschlich und fruchtbringend umzugehen.

Das setzt voraus, dass ein Mensch im Streit fair mit dem anderen umgeht. Der Streit muss in einem guten Ton geführt werden und von Menschlichkeit und Wertschätzung für den anderen geprägt sein. Der Streitende muss in sich eine Haltung der Ehrlichkeit und Wahrhaftigkeit haben. Nicht seine Interessen oder die Macht dürfen im Vordergrund stehen, sondern der Einsatz für die eigene Überzeugung. Dabei ist das Bewusstsein entscheidend, dass die eigene Überzeugung niemals die absolute Wahrheit sein kann. Je tiefer zwei Menschen in den Dialog eines gesunden Streites hineingehen, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass beide daran wachsen und reifen.

In solch einem Konflikt stand die Kirche in ihren Anfängen. Er manifestiert sich an den Figuren des Petrus und des Paulus. Im Matthäus-Evangelium lesen wir diejenige Stelle, von der die katholische Kirche das Papst-Primat abgeleitet hat. „Du bist Petrus und auf diesen Felsen werde ich meine Kirche bauen… Ich werde dir den Schlüssel des Himmelreichs geben; was du auf Erden binden wirst, das wird auch im Himmel gebunden sein, und was du auf Erden lösen wirst, das wird auch im Himmel gelöst sein“, heißt es dort im 16. Kapitel. Natürlich handelt es sich hierbei um eine Interpretation durch die Kirche, von der wir nicht wissen, ob sie auch im Sinne Jesu gewesen wäre.

Die Geschichte zeigt uns aber, wie viele Kriege, wie viel Streit und Trennung es durch das Papsttum und seine Vollmacht gegeben hat. Im Mittelalter stand die Frage, ob der Papst oder der Kaiser der Mächtigere ist, im steten Vordergrund. Wer von den beiden sollte die Macht erhalten? Dieser Konflikt erreichte seinen zwischenzeitlichen Höhepunkt Ende 1076 im Bußgang von König Heinrich IV. zur Burg Canossa. Dort wollte er Papst Gregor VII. um die Rücknahme seiner Exkommunikation bitten. Martin Luther wiederum erhielt durch eine Romreise Einblicke in die Machenschaften im Vatikan und schrieb 1520: „Ich bin so in Ängsten, dass ich fast nicht mehr zweifle, der Papst sei recht eigentlich der Antichrist, den die Welt erwartet: so sehr passt hierzu all sein Leben, Tun, Reden, Beschließen“. Als schließlich im 19. Jahrhundert die Unfehlbarkeit des Papstes beim Ersten Vatikanischen Konzil beschlossen wurde, lösten sich die Ostkirche und die altkatholische Kirche endgültig von der römisch-katholischen Kirche, weil sie dieses Dogma nicht mittragen wollten. Wie kann ein Mensch von sich behaupten, unwiderrufliche Entscheidungen in Glaubens- und Sittenfragen zu treffen und dabei der Wirklichkeit, dem Willen und Wesen Gottes absolut gerecht zu werden?

Soweit haben Petrus und Paulus zu ihren Lebzeiten niemals gedacht. Aber auch die beiden standen in harten Auseinandersetzungen um die Frage, wodurch ein Mensch zum Christen wird, bei welcher Lebensweise es sich also um die christliche handelt. Beim sogenannten Apostelkonzil, das ca. 48 n. Chr. stattfand, stritten Petrus und Paulus darüber, ob ein Mensch Christ werden kann, ohne zuvor schon Jude zu sein. Konkret fragten sie danach, ob ein Christ wie ein Jude beschnitten sein muss. Dabei gingen die beiden von ganz unterschiedlichen Ansätzen aus.

Paulus war ein gebildeter Jude mit römischem Pass. In seinen frühen Jahren wurde er zum ehrgeizigen und maßlosen Christenverfolger, um die Überlieferung seiner Väter zu erhalten und sich mit Eifer für das jüdische Gesetz einzusetzen. Nach seiner Bekehrung tat er alles dafür, den christlichen Glauben in die Welt zu tragen. Sein ‚Tempel‘ war das Mittelmeer. Er bereiste die dortigen Länder, berichtete von der Botschaft Christi und baute erfolgreich Gemeinden auf. Natürlich waren am Mittelmeer nicht nur Juden ansässig. Den dort lebenden Menschen nun die Beschneidung im Sinne des Judentums vorschreiben zu wollen, hätte nicht zur Tradition der Region gepasst. Hätten Petrus und Paulus sich nicht darüber verständigt, wie der christliche Glaube zwar in der Tradition lebbar sein kann, wie diese sich aber auch verändern muss, um sich anderen Lebensbedingungen anzupassen, hätte es niemals so viele lebendige christliche Gemeinden am Mittelmeer gegeben. Paulus hat mit seiner Herangehensweise an die Mission die Grenzen der Tradition gesprengt, um die Menschen für die Liebe Jesu Christi zu gewinnen. Die römische Basilika ‚St. Paul vor den Mauern‘, die außerhalb der antiken Stadtmauer liegt, erinnert daran. Paulus wollte das Volk Gottes nach außen in die Welt tragen und Christen auch außerhalb des jüdischen Volkes gewinnen.

Der ‚Petersdom‘, der Petrus gewidmet ist, liegt wiederum im Zentrum von Rom. Das Volk Gottes sollte sich Petrus zufolge im Herzen der jüdischen Tradition finden und auf diesem Boden Stabilität erlangen. Sein Wohnsitz war Jerusalem, wo er eine jüdische Gemeinde vor Augen hatte. Er hat daher zusammen mit Jakobus stets an der Tradition des Judentums festgehalten und sich für sie eingesetzt. Beim Apostelkonzil machte er sich daher primär für die sogenannten ‚Judenchristen‘ stark. Wenn die christliche Kirche sich nur auf Petrus aufgebaut hätte, wären wir hier in Europa vielleicht niemals Christen geworden.

Trotz der harten Auseinandersetzung fanden beim Apostelkonzil beide Sichtweisen ihren Raum und konnten sich gegenseitig befruchten. Man entschied, dass Heiden nicht erst beschnitten werden müssen, um Christen werden zu können, dass es aber Sinn machen würde, wenn sie kleinere Bestimmungen aus dem Judentum übernehmen. Weil die Liebe des Glaubens in diesem Streit immer im Mittelpunkt stand, konnten die Streitenden eine gewinnbringende Einigung erzielen und dem Christentum dadurch eine lebendige Zukunft eröffnen.

Das führt uns zur Situation der Kirche in der Gegenwart. Auch heute gibt es grundlegende Konflikte, die ausgetragen werden müssen, damit Christen in der katholischen Kirche eine Zukunft finden können. Vor einigen Tagen kam eine Frau zu mir, die mir erzählte, sie sei vor kurzem aus der evangelischen Kirche ausgetreten. Als Zusatz bemerkte sie, dass sie aus der katholischen Kirche bereits vor 20 Jahren ausgetreten wäre. Unerträglich wäre es ihr, dass die Frauen in der katholischen Kirche kein Amt bekommen, dass diese Kirche fast durchgängig von einer Männergesellschaft bestimmt wird. In den Gebeten wird Gott immer männlich dargestellt. Das konnte sie nicht mehr länger mittragen. Um die Zulassung der Frauen zu allen Ämtern sollte gestritten werden.

Gleiches gilt für die priesterliche Lebensform. Allein aus meinem Kurs hat die Kirche mehrere lebendige Menschen als Priester verloren, weil sie sich verliebt und in der Folge ihr Amt zurückgegeben haben. Ist es nicht schade, dass die Kirche am Pflichtzölibat festhält, obwohl die Lebensform des Priesters nichts über seinen Glauben aussagt? Um die Freiheit dieser Lebensform sollte gestritten werden.

Ebenso sollte gerade die Kirche in Deutschland sich angesichts der Geschichte des Landes die Frage stellen, ob Gewaltenteilung und demokratische Strukturen das Leben nicht bereichern und vor Machtmissbrauch schützen würden. Bislang liegt alle Gewalt in der Kirche beim Bischof als Zwischeninstanz und letztlich beim Papst als Alleinherrscher. In diesen Tagen lesen wir, wie eine solche Monopolisierung von Macht den Missbrauch von Kindern und seine Vertuschung ermöglicht hat. Wenn Macht nicht kontrolliert wird, besteht selbst in einer Institution, die sich der Liebe verschrieben hat, die Gefahr, dass diese gerade die Schwächsten gefährdet. Je mehr Macht eine Instanz hat, desto strenger muss sie kontrolliert werden. Und sollten wir nicht außerdem ein ehrliches Schuldeingeständnis erwarten, wenn Missbrauch aufgedeckt wird? Sollten wir nicht erwarten dürfen, dass daraus angemessene Konsequenzen gezogen werden, die nicht wieder vom Belieben des Machthabers abhängen? Um die Kontrolle von Macht sollte gestritten werden.

Das Beispiel von Petrus und Paulus zeigt, dass wir immer wieder neu aufstehen und streiten müssen. Das ist mühsam, vor allem, wenn sich in der Kirche so wenig bewegt wie in den letzten Jahrzehnten. Das ist mühsam, wenn Laien in kirchlichen Fragen nur Berater sein dürfen. Das ist mühsam, wenn unter den Bischöfen von Deutschland eine Zweidrittelmehrheit benötigt wird, um Veränderungen anzustoßen. Das ist noch mühsamer, wenn der Entschluss dieser Mehrheit dann nach Rom geht und dort vom Papst ausgebremst wird.

Trotzdem ist es höchste Zeit, in der Kirche aufzustehen und ihre Missstände zu verändern. Wenn vor allem die Frauenfrage und die Gewaltenteilung nicht zügig angegangen werden, wird die katholische Kirche in Deutschland irgendwann nicht mehr sein. Das wäre bedauerlich – nicht unbedingt der Kirche wegen. Es wäre bedauerlich, weil die Botschaft der Liebe den Menschen in seinem Leben zutiefst stärken und tragen kann. Warten wir also nicht. In einem Lied heißt es: „Jetzt ist die Zeit, jetzt ist die Stunde, heute wird getan oder auch vertan, worauf es ankommt“. Es kommt immer auf die Liebe an. Jetzt ist die allerletzte Chance für die Kirche.

Gott, heute blicken wir auf das Leben der Apostel Petrus und Paulus und bitten dich:

  • Lass dein Volk heute – wie damals bei Petrus und Paulus – in der Liebe zu dir wachsen.

Du sei bei uns in unsrer Mitte, höre Du uns, Gott.

  • Schenke deinem Volk Ehrlichkeit und Wahrhaftigkeit auf dem Weg des Lebens und des Glaubens.

Du sei bei uns in unsrer Mitte, höre Du uns, Gott.

  • Stärke in deinem Volk Vielfalt und Einheit.

Du sei bei uns in unsrer Mitte, höre Du uns, Gott.

  • Wenn wir schuldig werden, dann ermutige uns, zu unserem Versagen zu stehen und Verantwortung dafür zu tragen.

Du sei bei uns in unsrer Mitte, höre Du uns, Gott.

So bitten wir dich durch Christus, der die Liebe ist und uns immer wieder neu mit seiner Liebe erfüllen wird, heute und in Ewigkeit. Amen.

Petrus und Paulus

Hochfest am 29. Juni

Mt 16,13-19

Euer / Ihr Pastor

Thomas Laufmöller

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