Was zeichnet einen guten Gläubigen aus? Das Evangelium von heute fragt sogar noch spezifischer: Was zeichnet einen guten gläubigen Juden aus? Über die Antwort auf diese Frage hat bereits damals allein die Obrigkeit des jüdischen Glaubens bestimmt. Pharisäer und Schriftgelehrte haben den Takt angegeben. Für sie war es vollkommen klar, dass nur derjenige ein guter gläubiger Jude ist, der die Weisungen und Satzungen der Väter des Judentums einhält. Ein guter gläubiger Jude ist, wer unter dem Gesetz lebt.

Pharisäer und Schriftgelehrte haben sich als Verwalter der Tradition verstanden. Dabei wurden sie nicht selten von einer starr machenden Angst geleitet. Strenge Satzungen sowie eindeutige und einheitliche Vorschriften halten eine Gemeinschaft zusammen – so ihre Auffassung. Gesetzlosigkeit und Autonomie scheinen in der Folge gefährlich zu sein. Wer die Tradition erhalten und die Glaubensgemeinschaft zusammenhalten möchte, agiert sehr vorsichtig, was Veränderungen anbelangt, und konservativ, also bewahrend. Das ist erst einmal nichts Schlechtes. Es kann aber leicht zu Unflexibilität und Uneinsichtigkeit führen. Alles Individuelle, Persönliche, das eigene besondere Charisma wird aus solcher Perspektive als problematisch angesehen. Hält man sich streng an die Tradition, erstarrt man leicht an ihr, auch wenn Veränderungen sinnvoll wären. Darüber hinaus besteht die Gefahr, die Lebendigkeit und Dynamik des Glaubens zu verlieren.

Es liegt auf der Hand, dass Jesus hier mit seiner Botschaft, die den individuellen Menschen im Blick hat, anecken musste. Dementsprechend reagiert er auf die Rüge der Schriftgelehrten, einige seiner Jünger seien unrein, weil sie sich vor dem Essen die Hände nicht gewaschen hätten. Er ist innerlich erbost. Der Evangelist Markus formuliert die Reaktion geschickt, nämlich indem er Jesus ein Wort aus der jüdischen Tradition aufgreifen lässt. Jesus zitiert den Propheten Jesaja – wohl wissend, dass die Pharisäer und Schriftgelehrten dieses Wort kennen müssen: „Dieses Volk ehrt mich mit den Lippen, sein Herz aber ist weit weg von mir“. (Jes 29,13) Mit diesem Zitat möchte Jesus den Schriftgelehrten einen redensartlichen Denkzettel verpassen: Denkt neu über eure starre Einstellung nach! Der Glaube ist für euch keine Herzensangelegenheit, er berührt euch nicht. Eure Worte sind leer.

Jesus selbst möchte einen anderen Weg gehen. Franz Kamphaus hat diesen Weg beeindruckend beschrieben: „Das ganze Gesetzeswerk ist wie ein Netz. Man kann es immer weiter und immer enger spannen. Doch mit jeder neuen Masche entsteht ein neues Loch und – sofern man sich nur auskennt – kann man ganz konkret durch die Maschen gehen. Jesus hat das Netz nicht weiter oder enger gespannt. Er greift durch die Maschen hindurch nach dem Herzen des Menschen. Die weit größere Gerechtigkeit ist letztendlich nicht in Gebote zu fassen.“
(Kamphaus, Was dir zum Frieden dient, S. 35)
Die Worte des Evangeliums möchten den Menschen innerlich berühren, so dass es zu seiner Grundhaltung wird, diesen Worten gemäß zu leben.

Gleichzeitig steckt in der Konfrontation Jesu mit den Pharisäern und Schriftgelehrten ein Vorwurf. Die Mächtigen machten in der jüdischen Bevölkerung gerade mal zwei Prozent aus. Die Archäologie beweist, dass dieser Teil der Bevölkerung komfortable Häuser mit zwei Bädern und fließendem Wasser hatte. Natürlich war es für sie kein Problem, sich vor dem Essen die Hände zu waschen.

98 Prozent der Bevölkerung waren hingegen arme Menschen, für die es sehr mühsam war, Zugang zu Wasser zu erhalten. Sie mussten es von weit her holen und dadurch wurde es zu einem kostbaren Gut. Was macht man mit solch einem Gut?

Man trinkt es, statt es ausgiebig zum Waschen zu verschwenden. Die Streitsituation zwischen Jesus und den Schriftgelehrten zeigt deutlich, dass Jesus sich dessen bewusst war: die Mächtigen machen den Kleinen der Gesellschaft Angst und zermürben sie dadurch. Jesus möchte den armen Menschen Mut machen, sich aufgrund ihrer Armut nicht selbst als klein und unrein anzusehen. Das Unreine komme nicht dadurch in sie, dass sie es von außen, z.B. durch eine mit ungewaschenen Händen angefasste Speise, in sich aufnehmen. Vielmehr komme alles Unreine von innen: Mord, Habgier, Bosheit etc. – all das entsteht im Innersten des Menschen. Diese neue Sicht stellt eine Befreiung von der Starrheit der Pharisäer und Schriftgelehrten hin zu einer individuellen Innerlichkeit dar.

Eugen Drewermann hat einmal gesagt, dass der Mensch in dem Moment, in dem er die Angst vor der Obrigkeit verliert, beginnt, Gott im Sinne Jesu zu suchen, zu spüren und mit ihm zu leben.

Jesus versucht, die Menschen zu ermuntern, den Glauben zu einer Herzensangelegenheit zu machen. Es geht darum, sein Herz mit Liebe zu füllen. Natürlich ist es immer wichtig, über das eigene Leben nachzudenken und andere Lebensansätze zuzulassen. Im Grunde braucht man aber nur seinem inneren Kompass zu folgen und damit sein Herz zu fragen, was der Liebe Gottes entspricht. „Du siehst nur mit dem Herzen gut, das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar“, bemerkt Antoine de Saint-Exupéry. Oder ich denke an die wichtige Einsicht von Fjodor Dostojewski: „Als ich anfing, meine Gebete nicht nur mit den Lippen zu sprechen, sondern mit dem Herzen, wurden sie für mich zu Quellen des Lebens“.

Ich wünsche uns, dass wir ohne Angst und mit Freude und Zuversicht durch unser Glaubensleben gehen. Ich wünsche uns, dass der Glaube unser Herz berührt und unser Leben trägt. Ich wünsche uns, dass wir innerlich und mit dem Herzen glauben. Denn nur so können wir den spüren, der die unendliche Liebe ist und der mit uns auf dem Lebensweg geht.

Schau nicht auf das Gesetz, sondern in dein Herz

22. Sonntag im Jahreskreis
Mk 7,1-8.14f.21-23

Euer / Ihr Pastor

Thomas Laufmöller

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