Wenn man mit der Bahn fährt, muss man sich darauf einstellen, dass es zwischendurch zu Störungen kommt, die den geplanten Betriebsablauf durcheinanderbringen. Manchmal handelt es sich um leichte Störungen, die schnell abgefedert werden können. Andere sind entscheidend für das Leben. Etwas Existentielles geschieht, beispielsweise ein Unfall, und hat langfristige Auswirkungen. Ähnliche Störungen gibt es auch im Leben. Die Baumstämme auf unseren Gleisen sollen symbolisch andeuten, dass es Hindernisse auf unserem Lebensweg geben wird. Welche Arten von störenden Hindernissen können auftreten? Kommen sie von außen? Durch die Natur? Bin ich selbst für sie verantwortlich? Wie gehe ich mit Störungen um?

In einem Gespräch zwischen Menschen gibt es eine Regel: Störungen haben Vorfahrt. Komme ich mit anderen Menschen in ein Gespräch und weiß, dass es zwischen mir und den Anderen emotionale oder gedankliche Störungen gibt, müssen diese erst benannt werden. Denn sonst wird das Gespräch nicht erfüllend sein, da die Störung das Gespräch bestimmen würde. Vielleicht ist das ein aufwendiger Weg, weil eine Störung nicht immer mit einem Satz behoben ist. Aber um die Qualität des Gesprächs willen ist dieser Weg notwendig.

Rufe ich einen Menschen an, so frage ich immer: „Störe ich gerade?“ Diese Frage stößt eine Tür zum Anderen auf, da sie ein Zeichen von Respekt ist. Ich weiß nicht, was der Andere gerade macht, ob er vielleicht ein Gespräch mit jemandem führt, ob ich dazwischen gehen darf. Diese Frage stellt eine Weiche für gelungene Kommunikation. Sie baut Nähe auf. Der Andere fühlt sich durch meinen Respekt anders angenommen.

Es gibt gute Störungen. Es kann sein, dass ein Mensch mich zwar in meinen Alltagsverrichtungen stört, dass mir das aber gut tut. Es war mir eigentlich bereits selbst klar, dass ich mal raus müsste, dass ich loslassen müsste, aber allein hätte ich es nicht geschafft, mich von meinen Aufgaben zu lösen. Dann ist es ein Segen, wenn jemand kommt und mich dort herausholt. Das gibt mir die Chance, mir einen neuen Blick, neue Gedanken anzueignen. Wer seinen Tag oder sein Leben hingegen durchplant, existiert komplett in den eigenen Gedanken, statt in der Welt. Ich muss mich also offen halten für Spontanes, das meinen Plan unterbrechen darf. Ich kann dafür von Anfang an Platz lassen. Das öffnet mich für die Welt und für die Menschen. Wenn jemand mich an die Hand nimmt, schenkt mir das daher mehr Freiheit und ich sollte mich dem nicht verschließen.

Störungen können heilsam sein. Das sieht man zwar oft nicht im Augenblick der Störung, jedoch später im Rückblick. Dann erkenne ich, dass mich die Störung an den Rand der Verzweiflung und doch weiter gebracht hat. Sie hat mich reifer in der Persönlichkeit und vielleicht liebevoller gemacht.

Es gibt wohl keine entscheidendere Störung des eigenen Lebens und Schicksals, als plötzlich verkündigt zu bekommen, man werde die Mutter des Sohnes Gottes. Aber genau das geschieht Maria im heutigen Evangelium. Ein Engel steht im Haus und verändert mit seinen Worten alles für sie. Eine junge Frau wird aus den alltäglichen Dingen des Lebens herausgerissen und ihr Selbstverständnis wird auf den Kopf gestellt. „Ich soll den Sohn Gottes gebären?“, wird sie sich gefragt haben. „Ich bin eine normale Frau. Wie kann das sein? Was zeichnet mich aus?“ Darauf gibt der Engel ihr Antwort: „Du hast bei Gott Gnade gefunden“. Sie ist eine Begnadete nicht aus eigener Errungenschaft oder eigener menschlicher Stärke, sondern durch das Wirken Gottes. Er schenkt ihr Gnade und sie muss nun lediglich offen und empfangsbereit für dieses Geschenk sein.

Das Evangelium spricht von Maria immer als Jungfrau. Wer hier an die Biologie denkt, verfehlt den eigentlichen Gedanken des biblischen Textes. Schon in den ägyptischen Mythen lesen wir, dass Jungfräulichkeit bei der Geburt eines Pharaos in den Blick genommen wurde. Somit ist die Jungfräulichkeit keine Aussage über Maria, sondern über Gott. Mit Jesus wird nicht allein ein Mensch erwartet, sondern ein Menschgott. In diesem Geschehen ereignet sich etwas, was das Menschliche hin zum Göttlichen übersteigt. Lukas möchte die Geburt Jesu in ein göttliches Licht setzen. Das ist ein Bild des Geheimnisses, der Erhöhung Jesu Christi. Auf der anderen Seite ist es wichtig, dass Jesus durch eine Frau empfangen und geboren wird. Zwar sagt der Engel, dass für Gott nichts unmöglich sei, doch dieser schickt seinen Sohn nicht direkt auf die Erde. Jesus bekommt eine menschliche Mutter. Er ist ganz Gott und gleichzeitig ganz Mensch.

Das Geschehen rund um die Verkündigung macht deutlich, dass Gott möchte, dass die Menschen am Heil mitwirken. Sie sollen die Bereitschaft mitbringen, „Ja“ zu seinem Geschenk zu sagen. Maria lässt sich stören. Zu den Verheißungen des Engels sagt sie: „Ich bin die Magd des Herrn. Mir geschehe, wie du gesagt hast“. Sie stimmt aus freien Stücken zu, dass Gott an ihr Gnade walten lässt, ihr Leben komplett verwandelt, sie zur Mutter des Retters macht. Sie stellt sich ohne nachzudenken oder zu zweifeln in seinen Dienst. Störungen muss man annehmen und dann kann man weiterleben – wenn auch anders. Maria möchte die Störung tragen und sie trägt die Veränderung, die durch die Störung verheißen wird. Maria stimmt zu, in Glaube und Liebe am Heil mitzuwirken, auch wenn sie das Geschehen nicht versteht.

Glaube ist letztlich im ersten Schritt immer eine Gnade, die von Gott kommt. Doch es braucht einen zweiten Schritt, damit der Glaube sich im Herzen des Menschen und der Schöpfung entfalten kann. Dafür sind die Offenheit und das Mitwirken des Menschen notwendig. Er muss dem Geschenk vertrauen und mit einem freien Glauben antworten.

Gott greift immer wieder in unser Leben ein. Es ist an uns zu entdecken, dass trotz aller Herausforderung in den Störungen des Lebens eine Chance für uns, für unser Leben und für den Glauben liegt. Mögen wir gerade dann spüren, dass Gott da ist und uns trägt.

Ihr Pastor

Thomas Laufmöller

Wie gehe ich mit Störungen um?

Predigt zum 4. Advent
Lk 1,26-38