Menschen brauchen Vorbilder für ihr Leben, Wegbegleiter, die sie an die Hand nehmen und sie in den Glauben hineinführen. Welche Menschen haben Sie in Ihrem Glauben geprägt? Welchen Menschen sind Sie unendlich dankbar, weil sie Ihnen nicht nur in Worten, sondern auch in Taten die Gottes- und Nächstenliebe gezeigt haben? Welche Menschen haben den Glauben durch ihre Haltung ausgedrückt und Ihrer Seele gutgetan?

Mit der Frage, wer ein lebendiger Christ ist, der andere Menschen prägen kann, möchte ich Sie in das heutige Evangelium mit hineinnehmen. Dort wird von einem fremden Wundertäter berichtet, den die Apostel nicht kennen. Sie repräsentieren sozusagen das Lehramt der Kirche. Dieses „Lehramt“ wird mit jemandem konfrontiert, der andere Menschen heilt und ihnen zum Segen wird. Im Namen Jesu treibt er Dämonen aus, vollbringt also in seinem Namen Liebestaten. Nun kommt der Apostel Johannes zu Jesus, erzählt ihm von diesem Wundertäter und möchte ihn daran hindern, weiter in Jesu Namen zu heilen und zum Segen zu werden. Johannes begründet diese Absicht damit, dass der Wundertäter „uns“ nicht nachfolgt. Mit „uns“ sind sowohl die Apostel als auch die frühe Kirche gemeint, die Markus im Blick hatte. Aber geht es nicht eigentlich darum, Jesus nachzufolgen?

Wer entscheidet darüber, welcher Mensch gläubig, gar recht-gläubig, und wer ein lebendiger Christ ist? Das ist eine schwierige Frage, aber muss die Antwort nicht von der Liebe ausgehen? Handelt ein Mensch aus Liebe? Ist er anderen Menschen nah? Richtet er sie auf, stärkt er sie, hält er sie? Johannes nimmt einen anderen Ausgangspunkt. Heute würde man in seinem Sinne fragen: Ist ein Mensch überhaupt getauft? Wie oft kommt er in den Gottesdienst? Welche Autorität hat ihn legitimiert? Wenn das Lehramt über Geschiedene und Wiederverheiratete urteilt, also mit dem geltenden Kirchenrecht den Stab über Menschen bricht, spüren wir deutlich, dass das tiefste menschliche Empfinden verloren geht.

Die Brisanz im heutigen Evangelium liegt darin, dass jemand Gutes im Namen Jesu tut und dass die Apostel das trotzdem nicht akzeptieren können, weil er ihnen nicht nachfolgt. Sie haben keine Kontrolle über diesen Fremden. Sie können nicht prüfen, ob er wirklich recht-gläubig ist. Sie wollen aber diejenigen sein, die darüber entscheiden, die seine Würdigkeit beurteilen. Die Apostel stellen ihre Autorität heraus und stecken ihr Revier ab. Sie sind auf sich selbst bezogen. Er ist „uns“ nicht nachgefolgt – als wäre dies das Entscheidende. An ihnen und ihrer Autorität kommt keiner vorbei.

Mit dieser Einstellung geraten die Apostel unweigerlich in Konflikt mit Jesus. Er verpasst ihnen einen Denkzettel und holt die Angelegenheit in ein neues Licht hinein. Man merkt sofort, dass er mit großer Offenheit auf den Wundertäter schaut, liebevoll und zugeneigt ist. „Keiner, der in meinem Namen Wunder tut, kann so leicht schlecht von mir reden“, sagt er. Jesus vertraut dem Wundertäter, der in seinem Namen heilt. Er vertraut darauf, dass der Glaube des Wundertäters eine Weite in sich trägt, die sich nicht an Äußerlichkeiten festmachen lässt. Er ist gelassen und bittet seine Apostel: „Hindert ihn nicht“. Spüren Sie in sich selbst nach, was es bedeutet, Jesus nachzufolgen. Das heißt doch nicht in erster Linie, der Kirche nachzufolgen. Ich erinnere mich an eine Aussage des Theologen Alfred Loisy: „Jesus hat das Reich Gottes verkündet, und gekommen ist die Kirche“. Die Kirche hat den Auftrag, die Botschaft der Liebe glaubwürdig zu leben und diese zu vermitteln. Überall dort, wo man in der Kirche merkt, dass die Liebe nicht wächst, ist die Kirche weiter von Christus entfernt als solch ein Fremder, der mit ganzem Herzen den Menschen zugeneigt ist und ihnen Liebe schenkt.

Jesus reagiert gelassen, weil der Wundertäter in seinem Namen handelt. Damit ist nicht nur ein Rufname gemeint. Wenn die Bibel von ‚Name‘ spricht, meint sie das Wesen eines Menschen, seine Persönlichkeit. Das lateinische Wort ‚personare‘ geht auf ‚sonare‘ und ‚tonare‘ zurück. Beides heißt ‚tönen‘. ‚Personare‘ kann man daher mit ‚hindurchtönen‘ übersetzen. Das Innere des Menschen dringt dabei nach außen. Aus dem Herzen des Wunderheilers tönt die Liebe Jesu Christi hindurch. Er bringt die Person Jesu zum Klingen. Das Wesen Jesu ist tief in seinem Herzen. Jesus erkennt diese innere Haltung, die letztlich entscheidend dafür ist, dass er diesem Menschen zugeneigt ist. Im Grunde erfüllt dieser Wundertäter genau das, was Jesus sich von einem Menschen erhofft.

Welche Bedeutung hat diese Reaktion Jesu für das Hier und Heute? Das Zweite Vatikanum kam in den 60er Jahren zu der Einsicht, dass es auch außerhalb der Kirche Heil gibt. Es finden sich viele Nicht-Getaufte, die zum Segen und zum Heil der Schöpfung beitragen. Für Papst Johannes XXIII. war das ein neuer Ansatz, denn die vorhergehenden Konzilien waren darauf ausgerichtet, anderen Religionen deutlich zu machen, wie falsch sie liegen. Man war auf Abgrenzung ausgerichtet. Das ist nicht das einzige Unheil, das die Kirche in ihrer Geschichte angerichtet hat. Am Ende des Lebens wird Gott den Menschen aber nicht fragen, ob er getauft oder nicht getauft ist und wie viele Messen er besucht hat. Er wird vielmehr fragen, ob dieser Mensch im Herzen bei ihm und bei den anderen Menschen war, ob er die Liebe gesucht und gelebt hat. Natürlich bedeutet dies für jeden, dass er mit seinen Grenzen konfrontiert wird. Diese Grenzen muss der Mensch in Liebe annehmen, denn nur so spürt er, dass er Mensch ist.

In dieser Woche traf ich eine Frau von fast 80 Jahren. Sie sagte mir, dass sie in diesen Tagen aus der Kirche ausgetreten ist. Die Nacht davor konnte sie kaum schlafen. Aber weil sie diese Institution nicht mehr ertragen kann, hat sie sich zu diesem Schritt entschlossen. Ihr Glaube ist immer noch tief und bewegt ihr Herz. Das ist vergleichbar mit dem fremden Wunderheiler, der zwar nicht zur offiziellen Gemeinschaft der Apostel gehört, aber das Herz auf dem rechten Fleck hat. Sie bittet Gott, dass er die Liebe in ihrem Herzen bewahrt und sie diese Liebe weiter in Gemeinschaft leben kann. Dazu habe ich sie ermutigt und gestärkt.

1965 hat Karl Rahner vom ‚anonymen Christen‘ gesprochen. Auch wenn er ein akademischer Theologe war und sich zeitlebens dafür eingesetzt hat, aus der Botschaft Christi und seinen Weisungen heraus zu leben, hat er in späteren Jahren der Frage entscheidende Beachtung geschenkt, wie es im Herzen des Menschen aussieht. Lässt der Mensch sich von der Schöpfung, von der Natürlichkeit prägen? Liegt das Herz des Menschen auf dem Herzen Jesu? In die Liebe Christi kann man auch dann hineinwachsen, wenn man nicht getauft ist. Das Heil ist nicht abhängig von einer vorgeschriebenen Heilsvermittlung, sondern es kommt auf die innere Haltung des Menschen an, auf die Wahrhaftigkeit seines Herzens.

Es gibt so viele anonyme Christen, die wir vielleicht nie in der Kirche sehen, die keine Bibel in der Hand tragen und die dennoch viel Liebe in ihrem Herzen haben. „Forme unser Herz nach deinem Herzen“, habe ich gerade im Gebet gesprochen. Nehmen wir den fremden Wundertäter, dessen Herz nach dem Herz Jesu geformt ist, mit durch die Woche und schauen wir auch immer wieder neu auf diejenigen Menschen, die außerhalb der Kirche zum Heil beitragen – zum Heil für sich selbst, zum Heil für die Menschen und zum Heil für die ganze Schöpfung.

Was zeichnet einen lebendigen Christen aus?

26. Sonntag im Jahreskreis

Mk 9,38-40
Euer / Ihr Pastor

Thomas Laufmöller

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