Das Geräusch der Lokomotive im Hintergrund wird uns nun den Advent über begleiten. Ich las im Sommer ein Buch des verstorbenen Bischofs von Innsbruck, Reinhold Stecher, mit dem Titel „Geleise ins Morgen“. In ihm berichtet Stecher von seinen Erfahrungen, die er im Laufe des Lebens beim Zugfahren gemacht hat. Er beschreibt, was er auf diesen Fahrten gespürt hat. Schon immer habe ich gern Worte gelesen, die Bilder verwenden, die geistlich gedeutet werden können. In der Priesterausbildung hat mich vor allem die Begleitung durch Johannes Bours geprägt, die mich auf diesem Wege zu Aufrichtigkeit, Wahrhaftigkeit und einer großen Glaubenstiefe geführt hat. Bilder können einen Menschen in diesem Sinne tief im Herzen berühren. In diesem Buch ist es mir ähnlich ergangen.

So sind wir zu unserem Adventsthema „Gleise des Lebens“ gekommen. Auf welchen Gleisen des Lebens bin ich bis jetzt gefahren? Welche Erfahrungen der Freude und des Leidens habe ich auf dem Weg gemacht? Welche Erlebnisse waren besonders tief? Wie haben mich die Gleise geprägt? Welche Erfahrungen trage ich bis heute als Gepäck meines Lebens im Herzen? Woher kommen die Gleise und wohin führen sie?

Am heutigen ersten Advent soll die Lok im Vordergrund stehen.Wie kann ich das Symbol der Lok auf das Leben übertragen? Welche Impulse kann ich mit ins Leben nehmen, wenn ich auf die Lok schaue? Was zieht mich? Was zieht mich an?

Als erstes gilt es festzustellen, dass ich als Mensch überhaupt gezogen werde. Ich kann nicht alles steuern. Vielmehr tut es manchmal gut, mich ziehen zu lassen und nicht alles selbst zu machen. Wem übergebe ich mich? Ich denke hier vor allem an Menschen, die ich liebe und von denen ich weiß, dass sie behutsam mit meiner Nähe umgehen. Es sind Menschen, denen ich vertrauen kann. Es sind Menschen, die mich durch den Tag ziehen, die mich mitnehmen, an die ich mich festmachen kann. Solche Menschen übernehmen Verantwortung für mich wie ein Lokführer. Sie weisen außerdem auf Gott hin, der wachsam auf mein Leben schaut. Er trägt Sorge für mich und alle anderen Menschen. Er zieht uns und will sehen, dass es uns gut geht.

Werde ich gezogen, so kann ich endlich loslassen und es eröffnet sich ein Raum der Muße und Besinnung. Es ist geschenkte Zeit, während der ich auf mein Leben schauen kann, über dieses Leben reflektieren kann. Ich lasse mich fallen, um ins eigene Innerste hineinzuschauen. Wie lebe ich eigentlich? Woran arbeite ich in mir? Was macht mir Freude und was macht mir Angst?

Die Lok ist eine Antriebskraft, die alles in Bewegung bringt. Was macht mein Leben eigentlich lebendig? Ich möchte gern vier Bilder vorstellen, die dieser Frage nachgehen:

  • Das Leben ist ein großes Geschenk. Ich habe nur dieses eine Leben und es geht schnell vorbei. Passt man nicht auf, so „verlebt“ man es. Darum ist es gut, mir selbst immer wieder die Frage zu stellen, ob ich so lebe, wie Gott mir mein Leben in die Hände gelegt hat. Ich bin keine Marionette, sondern ein Mensch. Vieles habe ich selbst in der Hand. Ich muss Verantwortung für mich, für die anderen Menschen und die gesamte Schöpfung übernehmen. Bin ich wahrhaftig oder lasse ich mein Leben von anderen Menschen bestimmen? Auch wenn diese versuchen, mich zu manipulieren, so geht es immer darum, mein eigenes Leben zu leben, statt das Leben der Anderen. Nie darf ich die Selbstverantwortung verlieren. Vielmehr sollte ich mit geradem Rücken aufrecht durch das Leben gehen, meine Möglichkeiten erkennen und sie innerhalb meiner Grenzen verwirklichen.
  • Das Leben ist offen und nur bedingt planbar. Darauf muss ich mich einstellen und in mir eine Offenheit für Möglichkeiten und Wege im Leben entwickeln. Diese auf mich zukommen zu lassen, bedeutet auch, große Geschenke zuzulassen, die Neues in mein Leben tragen. Manchmal sind sogar Heilszeichen dabei, die mir ohne diese Offenheit entgangen wären. Das bedeutet allerdings auch, dass ich mich immer wieder fragen muss, ob ich Dinge loslassen kann. Schaffe ich es, liebgewordene Wege zu verlassen und Seitenpfade einzuschlagen, gar ganz neue Wege zu gehen? Loslassen ist ein wichtiges Instrument, um mein Leben lebendiger zu gestalten. Nie darf es allerdings so weit kommen, dass ich loslasse, was meine Sehnsucht ist, was mich im Innersten trägt. Lasse ich das ziehen, so gerät mein Leben in Gefahr. Ich stehe dann in Gefahr, mich selbst zu verlieren.
  • Meine Lebensenergie hängt auch davon ab, wie ich mit Leid umgehe. Normalerweise ist Leid eine Antriebskraft, den eigenen leidvollen Zustand zu überwinden. Niemand möchte im Leid verharren, wie er in der Freude bleiben möchte. Auf der anderen Seite kann Leid ohnmächtig machen und diese Überwindungskraft lähmen. Geht der Lebenssinn auf diesem Wege verloren, findet man allein nur sehr schwer ins Leben zurück. Ich halte seit 17 Jahren Trauerseminare und die Erfahrung hat mich gelehrt, dass Leid angeschaut werden muss, statt vor ihm wegzulaufen. Denn das Leid ist in mir und daher kann ich gar nicht vor ihm weglaufen. Besser ist es, das Leid in Worte zu kleiden und Menschen zu haben, die mir wirklich dabei zuhören – liebende Menschen, die meine Worte durch das Leben tragen. Ich denke hier immer an den Begriff der Compassion von Metz. Da ist ein liebender Mensch, der zu mir kommt, der mit mir geht, der die Last mit mir trägt, auch wenn ihn das selbst viel Kraft kostet. Natürlich kann er dadurch aber auch Kraft gewinnen und mir so eine noch größere Kraftquelle im Umgang mit meinem Leid sein. Gesteht er mir so viel Zeit zu, wie ich brauche, kann ich in meinem eigenen Tempo heilen und mir neue Möglichkeiten eröffnen.
  • Das Leben hat ein Ziel: eine nicht vorstellbare Liebe. Religiös artikuliert, ist das Ziel Gott. Wenn ich mir über dieses Ziel im klaren bin und weiß, dass ich einmal in die ewige Liebe Gottes eingehen werde, so muss ich nun nicht alles bekommen. Die Fülle wartet auf mich und ihr Vorgeschmack im Leben ist bereits etwas Wunderbares. Außerdem halten mich Zwischenziele beschäftigt, die ich nicht aus den Augen verlieren sollte. Bei ihnen darf ich meinen Realitätssinn nie verlieren, also nicht über das Ziel hinausschießen. Nehme ich es mir zum Ziel, mein Leben in der Liebe auszurichten, mir also an Jesus Christus ein Beispiel zu nehmen und die Liebe Gottes zu den Menschen zu bringen, dann lasse ich alle Zwischenziele durch etwas umwölben, aus dem ich nie herausfallen kann.

„Seid wachsam!“, mahnt Jesus den Menschen im heutigen Evangelium. Ich vertraue mein Leben einer Lok an, die mich zieht. Was zieht da in mir? Was ist wirklich meine Sehnsucht? Wer führt mich? Welche Heilszeichen schickt Gott mir? Vor diesen Fragen darf ich die Augen nicht verschließen, denn sonst verliere ich schon heute mein Leben. Natürlich ist diese Wachsamkeit eine Herausforderung. Darum steht Jesus Christus als Vorbild neben mir. Er ist stets wachsam im Leben und in der Liebe gewesen.

Ich bin einmal mit einer Gruppe Jugendlicher im Hospiz in Handorf gewesen. Dort sind die Jugendlichen so tief in ein Bild eingetaucht, dass die Künstlerin uns das Bild geschenkt hat. Seitdem hängt es in unserer Marienkapelle. Ein Engel ummantelt einen Menschen. Er wird von Wärme und Liebe umkleidet. Jeder Mensch ist Gottes geliebtes Kind und lebt in seiner Liebe. Wenn ich diesem Wissen vertraue, kann ich wachsam meinen Weg gehen. Ich kann mein Leben in Wahrhaftigkeit und Aufrichtigkeit gehen. Und je wahrhaftiger und aufrichtiger ich gehe, desto mehr ist Gott an meiner Seite. Er will, dass ich das Leben lebe, mein Leben lebe, und seine Liebe ist in mir. Sie zieht an mir. Was kann mir da schon passieren?

Ihr Pastor

Thomas Laufmöller

Wer oder was zieht dich – Gleise des Lebens – die Lokomtive

Predigt zum 1. Advent
Mk 13,24 – 37